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Vom notwendigen und hinreichenden Ressourceneinsatz

Die Frage nach dem Notwendigen und Hinreichenden beschäftigt uns in allen Lebensbereichen. Leihen wir uns die Begriffe aus der Wissenschaftstheorie, um einen kurzen Blick auf die aktuelle Situation im Baubereich zu werfen.

ForschungPublikation

Wie wir bauen und was wir bauen, war stets von den umweltbedingten Gegebenheiten bestimmt. Menschen haben Jahrtausende lang die vor Ort verfügbaren Ressourcen für die Errichtung ihrer Behausungen eingesetzt. Erst mit der modernen Globalisierung und der massiven europäischen Expansion haben sich Baustile und -stoffe vom Ort losgelöst, in großem Maß über den Erdball verbreitet und weitestgehend vereinheitlicht.

Ein weiterer großer Einfluss im Bausektor war die Energiepreiskrise in den 1970er-Jahren. Wir haben unsere Häuser warm eingepackt, um der Forderung nach Energieeinsparung gerecht zu werden, der Passivhausboom in den 1990er-Jahren sowie das Bundes-Energieeffizienzgesetz (EEffG) aus 2015 haben diese Bestrebungen verstärkt und zu erhöhtem Einsatz raumklimatisierender Technik geführt.

Doch diese Maßnahmen sind nur ein Teil der Lösung der Probleme, mit denen wir derzeit im Bau- und Energiebereich, und damit verbunden den weitreichenden Veränderungen der Lebensbedingungen auf unserem Planeten, konfrontiert sind. Inwieweit Technikeinsatz sinnvoll ist und die Reduktion der Betriebsenergie von Gebäuden optimiert werden kann, ist Thema zahlreicher laufender und abgeschlossener Forschungsprojekte(1.

Nicht weniger relevant als Energieeffizienz ist Materialeffizienz

Wir können Lösungen unter Einsatz haustechnischer Anlagen und hocheffizienter Dämmstoffe entwickeln, um den Energiebedarf im Gebäudebetrieb zu reduzieren, dürfen dabei aber nicht außer Acht lassen, dass damit allzu oft mit hohem Energieeinsatz produzierte und aufwändig zu entsorgende Materialien verbaut werden. Die Gebäudebetriebsenergie kann damit zwar verringert werden, nicht jedoch die Graue Energie. Und nachfolgende Generationen werden mit diesen verbauten Materialien konfrontiert sein. Bei Umsetzung einer Maßnahme (Energieeffizienz in der Nutzungsphase) dürfen die Auswirkungen auf anderen Ebenen (Graue Energie bei der Produktion der Baustoffe, Kreislauffähigkeit) nicht vernachlässigt werden(2.

Klar ist, dass Energieeffizienz nicht nur über Gebäudedämmung, sondern auch über Verhalten umgesetzt werden kann und muss. In der Heizperiode sämtliche Wohnbereiche auf über 22° C zu temperieren, ist zwar komfortabel, aber weder der Gesundheit zuträglich(3 noch im Hinblick auf die Gebäudeenergieproblematik vorteilhaft. Eine große Herausforderung ist, ökologische Fragestellungen und soziale Anforderungen synergistisch zu verfolgen und nicht gegeneinander auszuspielen.  

Was ist denn nun notwendig?

In der Wissenschaftsphilosophie spricht man von einer notwendigen Bedingung als Voraussetzung, damit ein Sachverhalt eintritt. Umgelegt auf Materialebene im Baubereich ist beispielsweise eine gewisse Materialeigenschaft und -stärke notwendig, um eine geforderte Schalldämmung (= Sachverhalt) zu erreichen. Für Stützen sind Materialien mit einer Mindestdruck- und -biegezug-festigkeit erforderlich, um statische Sicherheit zu gewährleisten. Im Grundbau lässt sich Stahlbeton nicht ersetzen, ist also notwendig. Raumabschließende Bauteile – allen voran im Wohnbau – dagegen können, müssen aber nicht mit diesem Material ausgeführt werden. Demzufolge ist es hinreichend, aber nicht notwendig, Außenwände in Stahlbeton mit Vollwärmeschutz auszuführen. Ebenso hinreichend sind beispielsweise Kombinationen aus Holz und nachwachsenden Dämmstoffen. So können ressourcen- und emissionsintensive Materialien ersetzt werden. Je komplexer und energieaufwändiger ein Material in der Herstellung, desto aufwändiger in der Regel die Wiederverwendung.
Im besten Fall kommen Materialien zum Einsatz, welche von der Rohstoffgewinnung bis zum Einsatz als Produkt so gering wie möglich (hinreichend) und so viel wie nötig (notwendig) modifiziert wurden.

Zahlreiche Errungenschaften im Bereich des Wohnens haben in den letzten Jahrzehnten das Leben der Menschen in Europa enorm verbessert. Ebenso wurden neue Fertigungstechnologien entwickelt, um den Bauprozess zu vereinfachen und zu beschleunigen. Manche Gebäudekomponenten werden zwar langlebig konzipiert, zu berücksichtigen beim Entwurfsprozess ist aber, dass Architektur stets der Spiegel einer Gesellschaft ist und sich demgemäß laufend ändert. Doch manche Materialien sind gekommen, um zu bleiben. Rück- oder Umbauten sind beim Einsatz dieser sehr beständigen Materialien nicht ohne Downcycling möglich.

Das System Erde

Es scheint, die Bauindustrie befindet sich in einem Dilemma: auf der einen Seite entwickeln wir Lösungen, um Energie einzusparen und Gebäude langlebig zu gestalten, auf der anderen lassen sich diese Lösungen schwer rückbauen oder verwerten. Derzeit befindet sich der Bausektor in einem ‚more of the same‘-Modus auf einer ‚never change a running system‘-Marschroute. Gebaut wird, was schnell und billig ist, Änderungen widersprechen etablierten Interessen. Unser Wohlstand und Komfort geht auf Kosten nachfolgender Generationen und Menschen in anderen Weltregionen.

Wer heute in Österreich ein Haus baut, mobilisiert überall auf der Welt Menschen. Das hat Vorteile, aber auch Nachteile. Die Entwicklungen der letzten zwei bis drei Jahre haben uns die Fragilität und unsere Abhängigkeit von globalen Netzen vor Augen geführt. Headlines wie "Preissteigerungen: Kein Ende absehbar – In der Baubranche herrscht derzeit Ausnahmezustand"(4 und "Preisexplosion und der Materialmangel erfordern ein rasches Gegensteuern der Politik"(5 stehen an der Tagesordnung. Auch der kontinuierliche Anstieg des Ressourcenverbrauchs wird mittlerweile medial transportiert.(6 Diese Zunahme ist einerseits bedingt durch die Bevölkerungszunahme, andererseits durch unseren unstillbaren Hunger nach Commodities. Während die Bevölkerung in Österreich im Zeitraum 1970 bis 2017 um rund 17 % zugenommen hat, stieg der Energie-Bruttoinlandsverbrauch in diesem Zeitraum um etwa 70 %.  

Eine Umstellung unseres nationalen Energiesystems auf nachhaltige Energieformen bedingt den Einsatz von Speichersystemen, deren Rohstoffgewinnung in anderen Erdteilen ökologisch und sozial problematisch ist und deren Herstellung mit der Nutzung fossiler Energie einhergeht. Nachhaltige Entwicklung ist immer mit Gerechtigkeit verbunden. Aus dem Grund täten wir gut daran, die aktuelle Lebens- und Wirtschaftsweise zu überdenken – selbst wenn wir nicht mit einer weitreichenden Veränderung des Klimas konfrontiert wären.

Vielleicht können wir hier den Begriff des Utilitarismus platzieren – ein Prinzip, wonach diejenigen Handlungen gerechtfertigt sind, die die größtmögliche Menge an Wohlergehen für die größtmögliche Anzahl an Individuen zur Folge haben.

Die Frage nach der Verantwortung: Was (können) müssen wir tun?

In Anbetracht unserer derzeitigen Lage sind Verhandlungen über CO2-Bepreisung, Zertifikathandel und die Höhe gesellschaftlicher Folgekosten fragwürdig. Kein Geld der Welt kann eine ausgerottete Tierart oder ein intaktes Regenwaldsystem zurückholen. Hinzu kommt, dass diese Folgekosten nicht von den Verursachern bezahlt werden.
Im Zielkonflikt großer Unternehmen hat der Umweltschutz meist das Nachsehen. Betriebswirtschaftlich dominiert das quartalsweise Denken, Interessen der Aktionäre gehören bedient, monetär nicht lukrative Änderungen widersprechen etablierten Interessen. Es wird bei vielen Entscheidungen bestenfalls an die Kinder, selten an die Enkel und schon gar nicht an die danach folgenden Generationen gedacht. Negative Umweltauswirkungen werden dem eigenen Profit hintangestellt. Kosten und Baufortschritt sind treibender Faktor – eine Bauzeitverzögerung von wenigen Wochen scheint unendlich dramatisch.  

Wir gehen mit einem kurzfristigen, nicht über eine Lebenszeit hinausreichenden Denken und damit einer unglaublichen Arroganz an die Sache heran. Kosmetische Maßnahmen wie Nebeldüsen, finanzielle Schutzschirme oder ‚Klimainseln‘ sind medienwirksam, aber reine Symptombekämpfung.

Klar ist, dass die dringend erforderliche Wende im Gebäudesektor mit der aktuellen Bauweise nicht zu bewältigen ist. Wir müssen uns von nicht nachhaltigen Prozessen, die vor allem nicht erneuerbare Ressourcen verbrauchen, Umwelt- und soziale Probleme verursachen, so schnell wie möglich verabschieden.
Aber wie? Wer ist für die Umsetzung der erforderlichen Maßnahmen verantwortlich? Die Zivilgesellschaft? Unternehmen? Politik? Macht geht mit einer enormen Verantwortung einher. Viele wollen Macht, aber niemand Verantwortung. Dazu kommt, dass eine Menge Mut dazu gehört, nonkonform zu sein. Genau das ist dringend notwendig.
Gesellschaftliche Veränderungen finden sehr langsam statt. Auf weniger starke Inputs reagiert die Menschheit relativ elastisch – und kommt in kurzer Zeit wieder zu ihrem Ausgangspunkt zurück. Die Corona-Pandemie hat zu Massendemos, geringfügigen gesetzlichen Anpassungen und der einen oder anderen Lohnanhebung im Pflegebereich geführt – aber wir reisen wieder fröhlich quer über den Erdball und unser Ernährungsverhalten ändern wir trotzdem nicht, obwohl wir mittlerweile wissen, dass Massentierhaltung die Entstehung von Krankheitserregern begünstigt und einen enormen Impact auf das Klima hat. Das heißt, ohne Änderung der gesetzlichen Rahmenbedingungen wird die notwendige Umgestaltung zu langsam passieren, um die im 6. IPCC-Sachstandsbericht(7 prognostizierten Auswirkungen des Klimawandels im Rahmen zu halten.

Es wird Zeit, die Baustellen, die schon Generationen vor uns begonnen worden sind, abzubrechen. Die Gewinnung von Rohstoffen ‚irgendwo‘ führt nicht nur zu einer immensen Umwelt-zerstörung ‚irgendwo‘, sondern – mindestens ebenso schlimm – zu einer Ausbeutung und Gefährdung dort lebender Menschen. Es gibt keine Nachhaltigkeit ohne Gerechtigkeit. Unser Wohlstand wächst auf dem Humus unserer Ahnen – achten wir darauf, gute Vorfahren zu sein.

In Hinblick auf unsere derzeitige Situation lässt sich die Frage nach dem notwendigen und hinreichenden Ressourceneinsatz vielleicht folgendermaßen beantworten: Viele Anforderungen lassen sich meist von mehr als einem Material erfüllen. Wählen wir dasjenige mit den geringeren Umweltbelastungen bei der Herstellung und dem größten Maß an Wiederverwendbarkeit bei geringem Energieeinsatz. Es geht nicht darum, Materialien gegeneinander auszuspielen, sondern in dem Maß einzusetzen, wie sie notwendig und hinreichend sind – nicht (nur) im Sinne von Effizienz, sondern auch um Ressourcen und Klima und damit uns selbst zu schützen.


„I don‘t know what word in the language – I can’t find one – that applies to people of that kind, who are willing to sacrifice the existence of organized human life, not in the distant future, so they can put a few more dollars in highly overstuffed pockets. The word ‘evil’ doesn’t begin to approach it.“    Noam Chomsky

 

1  Siehe z.B: Haselsteiner Edeltraud et al. 2017. Low Tech – High Effect! Eine Übersicht über nachhaltige Low Tech Gebäude. Herausgeber: BMVIT. Schriftenreihe 20/2017 / nachhaltigwirtschaften.at/de/sdz/publikationen/schriftenreihe-2017-20-lowtech-higheffect.php
und: Erber Sabine et al. 2021. low-Tech Gebäude. Prozess Planung Umsetzung. Hrsg: Partner des Interreg Alpenrhein-Bodensee-Hochrhein Projekts ‚Konzepte für energieeffiziente, klimaverträgliche “Low-Tech” Gebäude im Bodenseeraum‘ https://www.energieinstitut.at/forschungsprojekte/low-tech-i-interreg-alpenrhein-bodensee-hochrhein/#

und: Nutzerkomfort durch low tech-Konzepte in Gebäuden: Forschungsprojekt des IBO gemeinsam mit FHTW und wohnbund:consult im Auftrag des BBSR, laufend https://www.ibo.at/forschung/referenzprojekte/data/nutzerkomfort-durch-low-tech-konzepte-in-gebaeuden

2 Mit Hilfe des Amortisations- und Wirtschaftlichkeitsrechners (AWR, https://www.baubook.at/awr/) kann die ökologische Amortisation von Dämmmaßnahmen berechnet werden.

3 Damit einher geht meist eine niedrige Luftfeuchtigkeit im Innenraum, was zu trockenen Schleimhäuten und einem erhöhten Erkältungsrisiko führen kann.

4 www.handwerkundbau.at/wirtschaft/abau-baustoffpreise-sorgen-fuer-kopfweh-48616 vom 27.4.2022

5 www.handwerkundbau.at/wirtschaft/kostenexplosion-und-materialengpaesse-48480 vom 11.4.2022

6 Ressourcenverbrauch seit 1970 vervierfacht  science.orf.at/stories/3210727/ vom 3.1.2022, aus der Studie: Lenzen, M., Geschke, A., West, J. et al. Implementing the material footprint to measure progress towards Sustainable Development Goals 8 and 12. Nat Sustain 5, 157–166 (2022). https://doi-org.uaccess.univie.ac.at/10.1038/s41893-021-00811-6

7 https://www.de-ipcc.de

Forschungszeitraum

April 2023 –

© Enzberg
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