Zum Seiteninhalt springen

Der Einfluss von Baumaterialien auf den Nutzungskomfort
Ein Beitrag im Projekt Gebäudesoftskills

Bauprodukte als Bestandteil unserer Räume beeinflussen unser Wohlbefinden. Welche Auswirkungen sie haben und welche Prüf- und Bewertungsmöglichkeiten es gibt, zeigt Materialökologin Astrid Scharnhorst.

Materialökologie Produktprüfung Bauproduktmanagement

Ist Nutzungskomfort (nur) persönliche Definitionssache?

Nutzungskomfort in (Wohn-)Gebäuden wird durch die gewählten Baumaterialien maßgeblich mit beeinflusst und hat vielfältige Ausprägungen: Eine gute bautechnische Ausführung und sommers wie winters hoher thermischer Komfort bei möglichst geringem Energieverbrauch gilt wohl den meisten Nutzer*innen als Grundvoraussetzung bzw. gibt es dazu bautechnische und Energieeinsparungsvorschriften. Desweiteren bestimmen Faktoren wie Raumakustik, Tageslicht, Innenraumluftqualität und Oberflächenwirkung die Aufenthaltsqualität in Gebäuden. Das subjektive Empfinden erschwert hierbei eine objektive Bewertung. Berechnungs-, Mess- und Bewertungsverfahren werden in einigen Bereichen wie Raumakustik oder Innenraumluftqualität angewendet, hingegen sind materialbezogene Aussagen wie „Holz hat eine warme Ausstrahlung“ nicht eindeutig belegbar.

Wie also sind soft skills auf Materialebene zu definieren, welche Auswirkungen auf unser Wohlbefinden haben sie, welche Prüf- und Bewertungsmöglichkeiten gibt es und wie können auf die persönlichen Bedürfnisse zugeschnittene Produkte ausgewählt werden?

soft und hard skills – Welche Bewertungsverfahren gelten für Bauprodukte?

Die bautechnischen Eigenschaften –die „hard skills“ – von Bauprodukten unterliegen einem weitestgehend harmonisierten und standardisierten Normungs-, Zulassungs- und Prüfwesen. Das übergeordnete Regelwerk ist die EU-Bauproduktenverordnung (EU-BauPVO)[1], die neben diesen technischen auch Umwelt-, Gesundheits- und Entsorgungsaspekte berücksichtigt.

Als „soft skills“ in Bezug auf Materialien können jene Bauprodukteigenschaften bezeichnet werden, die eine unmittelbare Wirkung auf die Nutzer*innen haben, wie Haptik, Optik, Oberflächentemperatur, Feuchtepufferung und Geruchs- oder Schadstoffemissionen insbesondere von Oberflächenmaterialien wie Wandfarben oder Bodenbeläge. Einige dieser Materialwirkungen, beispielsweise Haptik und Farbwirkung, sind stark subjektiv beeinflusst, eine objektivierte Betrachtung auf Basis von Prüf- und Bewertungsverfahren ist teils schwierig. Für andere werden vom Europäischen Komitee für Normung (CEN) Bewertungsverfahren entwickelt, so auch für das Emissionsverhalten von Bauprodukten[2].

Wie beeinflussen Bauprodukte die Innenraumqualität?

Die Innenraumluftqualität ist von der Nutzung, der Möblierung und vom Emissionsverhalten der verbauten Produkte abhängig. Durch sie können Schadstoffe in das Gebäude eingetragen werden. Bodenbeläge, Holz- und Holzwerkstoffe, Oberflächenbeschichtungen, Dicht- und Klebstoffe und Dämmmaterialien können eine Vielzahl gesundheitsbelastender, flüchtiger organischer Verbindungen (VOC) wie z.B. Formaldehyd oder Terpene emittieren oder kritische Inhaltsstoffe wie Flammschutzmittel, Phtalate, Biozide und andere Zusatzstoffe enthalten. Die Stoffe können reizend, sensibilisierend, reproduktionstoxisch, mutagen und/oder kanzerogen wirken. Die gesundheitlichen Auswirkungen entwickeln sich oft über einen längeren Zeitraum hinweg und sind daher schwer nachweisbar. Sie äußern sich zumeist durch unspezifische Symptome wie Unwohlsein oder Kopfschmerzen, können aber auch zu chronischen Erkrankungen und schweren Allergien führen.

Woran sind gute Bauprodukte erkennbar?

Eine hohe Qualität der Innenraumluft kann erreicht werden, wenn konsequent emissionsfreie bzw. -arme Bauprodukte eingesetzt werden. Bei der Produktauswahl helfen Umweltproduktdeklarationen (EPD)[3] oder Umweltzeichen[4], die Umwelt- und Gesundheitseigenschaften von Bauprodukten umfassend abbilden.

EPD fokussieren auf die Deklaration umweltrelevanter Daten eines Bauprodukts und enthalten unter anderem die Ergebnisse einer Produktlebenszyklusanalyse (LCA) für eine B2B-Kommunikation. Im Gegensatz dazu sind Umweltlabel als Bewertungssysteme zu verstehen, deren Maßstäbe je nach Qualitätsanspruch des Labels deutlich über normativen oder gesetzlichen Anforderungen liegen. Die Überprüfung der Einsatzstoffe auf gefährliche und bedenkliche Produktbestandteile und labortechnische Produktanalysen hinsichtlich des Emissionsverhaltens (VOC, Formaldehyd und Geruch) zählen häufig zu den Standardanforderungen. Auch LCA können Bestandteil der Vergabekriterien sein. Für Endkunden und am Bau beteiligte Personen sind Umweltlabel in erster Linie eine Auswahlhilfe (B2C-Information). Es können mit dem Label im Idealfall die ökologischen und die nutzungsrelevanten Ansprüche (z.B. emissionsarm, allergikergerecht) erfüllt werden. Umweltlabel funktionieren auch als Nachweis für ökologische und gesundheitliche Bewertungsparameter von Gebäudebewertungssystemen wie klimaaktiv, TQB, ÖGNI und andere internationale Systeme sowie von Ausschreibungssystemen wie Ökokauf Wien und Servicepaket Nachhaltig:Bauen in der Gemeinde.

Auf europäischer Ebene und im deutschen Sprachraum existieren zahlreiche Umwelt- und Schadstofflabel. Die in Österreich bekannten Umweltkennzeichnungsprogramme sind:

Das Österreichische Umweltzeichen

Staatliches Qualitätszeichen des Bundesministeriums für Nachhaltigkeit und Tourismus (BMNT). Das Österreichische Umweltzeichen nimmt unter anderem eine Bewertung der Einsatzstoffe zwecks Ausschluss bzw. Reduktion von Stoffen mit Gefährlichkeitsmerkmalen und Gefahrenpotenzial vor. Je nach Produktgruppe sind Emissionsgrenzwerte für organische Schadstoffe, die sich an Vorsorgewerten für die Innenraumluft orientieren festgelegt. Die Anforderungen sind weitestgehend mit denen des Blauen Engels harmonisiert.

Das IBO Prüfzeichen

Privates Umweltkennzeichnungsprogramm des IBO – Österreichisches Institut für Baubiologie und –ökologie. Baustoffe und Innenraumausstattungen werden anhand von produktgruppenbezogenen Prüfkriterien über den gesamten Lebenszyklus beurteilt. Der Fokus liegt auf Umwelt- und Gesundheitsschutz mit Ausschlusskriterien für kritische Inhaltsstoffe. Bei innenraumluftrelevanten Produkten werden Emissionsprüfungen nach dem Vorsorgeprinzip durchgeführt.

Das natureplus®-Qualitätszeichen

Privates Umweltkennzeichnungsprogramm des Internationalen Vereins für zukunftsfähiges Bauen und Wohnen – natureplus e.V. mit Umweltschutz-, Ressourcen-, Sozial- und Schadstoffkriterien. Laboranalysen mit Grenzwerten für VOC- und Formaldehyd bei innenraumrelevanten Bauprodukten orientieren sich am gesundheitlichen Vorsorgeprinzip. 

 

Empfehlungen für die bauökologische Produktauswahl

In Österreich können sich Bauprofis und Endkunden bei der Suche nach emissionsfreien oder emissionsarmen Bauprodukte auf das IBO Prüfzeichen, das Österreichische Umweltzeichen, das natureplus® Qualitätszeichen oder den Blauen Engel stützen. Über Produktdatenbanken wie baubook.info lassen sich innenraumrelevante Informationen abrufen. Auch Umweltaspekte können mithilfe dieser Bewertungs- und Informationssysteme in das jeweilige Bau- oder Sanierungsvorhaben einfließen. Hierbei ist es besonders wichtig, dass Planer*innen ökologische Ausschreibungskriterien verwenden. Solche finden sich z.B. auf der Plattform baubook ökologisch ausschreiben.

Damit zukünftige Veränderungen an einem Bauwerk substanzschonend und für die ausführenden Gewerke und Nutzer*innen und Umwelt so sachgemäß wie möglich durchgeführt werden können, ist eine vollständige und auch in Zukunft abrufbare Deklaration wünschenswert. Großes Potenzial liegt in der breiten Anwendung von BIM-Modellen (Building Information Modeling), die nicht nur die bautechnischen, sondern auch die bauökologischen Materialdaten berücksichtigen, diese von der Planungs- über die Ausführungsphase bis hin zum fertigen Gebäude erfassen und somit langfristig dokumentieren helfen.

 

Quellen/Literaturhinweise

Gesamtverband Schadstoffsanierung GbR (Hrsg.): Schadstoffe in Innenräumen und an Gebäuden: erfassen, bewerten, beseitigen, Köln: Müller 2010

Linden, Wolfgang; Marquardt, Iris (Hrsg.): Ökologisches Baustoff-Lexikon: Bauprodukte Chemikalien Schadstoffe Ökologie Innenraum, Berlin : Offenbach : VDE VERLAG GMBH 2018

Zwiener, G.; Mötzl, H.: Ökologisches Baustoff-Lexikon, Heidelberg: C. F. Müller 2006


[1] Verordnung (EU) Nr. 305/2011 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 9. März 2011 zur Festlegung harmonisierter Bedingungen für die Vermarktung von Bauprodukten und zur Aufhebung der Richtlinie 89/106/EWG des Rates

[2] CEN/TC 351 „Construction products: Assessment of release of dangerous substances". Entwicklung von horizontalen genormten Bewertungsverfahren für die Freisetzung von geregelten gefährlichen Stoffen in die Innenraumluft den Boden, das Oberflächenwasser und das Grundwasser.

[3] Typ III Umweltdeklaration nach ISO 14025

[4] Umweltkennzeichnung Typ I nach ISO 14024

Kontakt

© Lipp