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Rückbau und Recycling

Große Mengen sowohl in Gewicht, Volumen, Energieinhalt und Kosten fallen im Bauwesen an. Ambitionierten Ideen zum Rückbau wie etwa Urban Mining oder Recyclinggerechtem Konstruieren stehen Strukturen gegenüber, die Verwertungsquoten wie bei Verpackungsmaterial derzeit nicht zulassen. Folgend werden die Rahmenbedingungen für Rückbau und Recycling beschrieben. Autorin: Barbara Bauer, IBO

klimaaktiv

Ziele

Baustoffe zu rezyklieren verringert den Bedarf an Primärrohstoffen. Wenn weniger Sand, Kies, Eisen und so weiter abgebaut werden muss, wird die Landschaft geschont. Besonders wirksam ist das bei Produkten aus knappen Ressourcen oder Produkten, die in großen Mengen eingesetzt werden. Baustoffe zu rezyklieren verringert auch den Bedarf an Deponievolumen. Eine weitere Motivation kann die Vermeidung problematischer Abfälle sein. Vielfach verringert sich der Energiebedarf, weil die Aufbereitung von Sekundärrohstoffen weniger benötigt als die Gewinnung von Primärrohstoffen, zum Beispiel beim Aufschmelzen von Glaswolle anstelle von Glasrohstoffen.

Bau- und Abbruchabfälle (Baurestmassen) sind mit 8,2 Millionen Tonnen nach den Aushubmaterialien die schwerste Abfallfraktion in Österreich (siehe Grafik). Diese Angaben beziehen sich auf das Gewicht. Dämmstoffe sind leicht, haben aber unter Umständen das 70-80fache Volumen von mineralischen Baustoffen. In Österreich sind 2006 gemäß Bundes-Abfallwirtschaftsplan ca. 4.600 Tonnen Mineralwolle entsorgt worden. Das entspricht etwa 100.000 – 200.000 Kubikmetern im nicht komprimierten Zustand. Zu erwarten ist, dass als Folge der Niedrigenergiebauweise in den nächsten 20 bis 30 Jahren diese noch kleinen Mengen sprunghaft ansteigen werden.

Probleme und Ist-Situation

Bei Betrachtung der massenbezogenen Verwertungsquote für Bau- und Abbruchabfälle (Abb. 1), entsteht der Eindruck, dass in Österreich kein Handlungsbedarf zur Erhöhung der Recyclingrate bestehe. Ökologisch gesehen fallen jedoch nicht nur schwere Baustoffe ins Gewicht (z.B. Beton, Stahl, Ziegel), sondern auch Fraktionen mit relevanten Volumina (z.B. Dämmstoffe) oder energieintensiv hergestellte Baustoffe /Bauteile (z.B. Metalle, Glas, Kunststoffe, Fenster, Türen, Heizkörper etc.).

Problematisch bei einer Wiederverwendung oder Recyclierung sind in den Bauteilen / Baustoffen enthaltene gefährliche Stoffe und Störstoffe. Weder in der Zulassung von Baustoffen noch in der Planung eines Bauwerks ist ein Rück- bzw. Abbaukonzept verpflichtend  – als Folge sind die Baustoffe oft schwer oder nicht voneinander trennbar. Viele Bau- und Abbruchabfälle können deshalb in Österreich nicht als hochwertige Recycling-Baustoffe wiederverwertet werden[1]. Für viele weniger massenintensive Abfallfraktionen wie Glas oder Kunststoffe gibt es keine bewährten Verwertungsprozesse. Rezyklierte Baurestmassen werden kaum nachgefragt, zum Einen ist neues Material leicht und günstig verfügbar, zum anderen gibt es rechtliche Unsicherheiten wie etwa der Zeitpunkt des Abfallendes. Auch Bauteile werden, wenn sie nicht historischen Wert haben, kaum nachgefragt – zu hoch wird der Preis, wenn die Arbeit des Ausbaus, der Reinigung und Transport, Lagerung sowie der Verkauf eingerechnet werden müssen.

Die in Österreich derzeit üblichen Entsorgungswege für Baurestmassen sind (Abbildung 3):

  • Für Baurestmassen wie Altholz, Bauschutt (Ziegel etc.), Betonabbruch und dergleichen gibt es gut funktionierende Abbauprozesse der Recyclierung (Altholz) bzw. Zerkleinerung und Wiederverwertung (z.B. im Straßenbau). Die Baustoffe erfahren jedoch einen Qualitäts- und Werteverlust – sie können nicht mit ihren ursprünglichen funktionalen Eigenschaften wiederverwendet werden.
  • Dämmstoffe aus EPS werden verbrannt, dabei wird das Flammschutzmittel HBCD zersetzt. Ein Recycling von Platten, die HBCD enthalten, ist aufgrund der POP-Verordnung nicht mehr möglich, auch nicht als Dämmschüttung oder -putz. XPS und PU-Hartschaumplatten, die mit klimaschädlichen FCKW geschäumt wurden, werden als gefährlicher Abfall eingestuft.
  • Gipskartonplatten können technisch gesehen ausgezeichnet wiederverwertet werden. In der Praxis werden sie aber häufig lediglich deponiert und als Störstoffe von  den Betonabbrüchen getrennt, weil Calciumsulfat (Gips) die Betonqualitätverminderttypo3/#_ftn3. Einer Wiederverwertung steht entgegen, dass sich die Trennung vom restlichen Baumüll ohne große Verunreinigungen in der Praxis als schwierig durchführbar erwiesen hat. Gut haftende Tapeten sind problematisch für die Verwertung. Zudem ist der wirtschaftliche Aufwand bei gleichzeitig vergleichbar niedrigen Deponiekosten zurzeit nicht vertretbar.
  • Bauteile wie Fenster und Türen, deren technische Anforderungen laufend zunehmen, sind von einer Wiederverwendung ausgeschlossen. Derzeit werden sie deponiert oder illegal z.B. nach Südosteuropa verfrachtet.
  • Einzelteile wie Heizkörper, Steckdosen, Waschbecken etc. werden bei kleinen Gebäuden teils privat verkauft und wiederverwendet. Bau Großbauprojekten funktioniert die Rückführung in den Markt nicht zufriedenstellend. Neue Produkte sind billig und eine Wiederverwendung ist daher derzeit nicht wirtschaftlich abbildbar.

Gesetzliche Rahmenbedingungen als Unterstützung bzw. Hindernisse

Die EU-Abfallrahmenrichtlinie (Richtlinie 2008/98/EG) legt eine 5-stufige Abfallhierarchie vor (Abbildung 2), bei der Abfallvermeidung Priorität hat. Bis 2020 müssen lt. Abfallwirtschaftsgesetz 2002 (AWG)[2] nicht gefährliche Bau- und Abbruchabfälle im Ausmaß von 70 % wiederverwendet bzw. rekycliert werden. In Österreich liegt die Recycling-Quote schon seit Jahren darüber (siehe Grafik)! Dies wird vor allem über die Verwertung der massenintensiven Fraktionen Betonabbruch, Bauschutt, Straßenaufbruch und Asphalt (92,1 % der gesamten Bau- und Abbruchabfälle) erreicht. Zerkleinert können diese Baustoffe als Zuschlagstoffe der Bauwirtschaft rückgeführt werden. Eine Wiederverwendung im Sinne einer Beibehaltung der Produktqualität ist nicht gegeben.

Die Gesetzeslandschaft spiegelt die Problematik großer Abfallmengen im Bauwesen und den Ruf nach vermehrtem Recycling wider. So sollen lt. Bundesabfallwirtschaftsplan 2011, der alle 6 Jahre vorgelegt werden muss,  Techniken und Technologien gefördert werden, damit die Lebens- und Nutzungsdauer von Gebäuden verlängert werden, die Verwendung gefährlicher Stoffe vermieden, und gefährliche von nicht gefährlichen Stoffen leichter getrennt werden können. Die Bauprodukteverordnung (2013) legt in der neuen, siebten Grundanforderung an Bauwerke „Nachhaltige Nutzung der natürlichen Ressourcen“ fest, dass die Baustoffe und -teile nach dem Abriss wiederverwendbar oder recyclierbar sein müssen. Konkrete Vorgaben wie diese neue Anforderung zur Nachhaltigkeit umzusetzen ist, wurden noch nicht gemacht, weder von der Kommission noch einem oder mehreren Mitgliedsstaaten. Die Rezyklierbarkeit und Entsorgung müsste Bestandteil der Zulassung eines Baustoffes sein und Produkte, für die ein Nachweis nicht erbringbar ist, müssten vom Markt genommen werden.

Bei einem Abbruch, bei dem mehr als  100 t Bau- und Abbruchabfälle entstehen, muss lt. Baustoffrecycling Verordnung (Juli 2015) eine orientierende Schad- und Störstofferkundung durchgeführt werden. Ein Einfamilienhaus in Massivbauweise mit ca. 190 m2 Nutzfläche und einem Keller kann bereits ein Gewicht von 220 t aufweisen! Damit soll die Verschleppung von Schadstoffen (z.B. Asbest, Teer, HBCD) und die Vermischung mit Störstoffen wie etwa Gips, Holz, Glas, Verbundstoffen verhindert werden und eine Wiederverwendung besser ermöglicht werden. In der Praxis werden diese Vorgaben oft nicht eingehalten und auch nicht bestraft.

 

Die Legislative konzentriert sich auf das Recycling der massenintensiven Baustoffe (Beton, Estrich, Ziegel etc.). Noch funktionierende Bauteile der Gebäudeausstattung werden nicht bedacht. De Facto gelten alle Bestandteile eines Gebäudes ab Einreichung der Abbrucherklärung als Abfall, ungeachtet ihrer zum Teil noch weiter bestehenden Funktionalität. Ein Bauteil darf, nachdem als Abfall deklariert, nicht ausgebaut und als Produkt weiterverkauft werden. Dafür bedarf es zuvor einer bürokratisch aufwändigen Deklaration als Produkt mit den derzeit herrschenden technischen Anforderungen – oftmals einhergehend mit einer CE-Kennzeichnung. Für viele Bauteile gestaltet sich dies als schwierig bis unmöglich. Die gesetzlichen Rahmenbedingungen lassen die Lücke offen, funktionierende Bauteile vor Einreichung der Abbrucherklärung auszubauen. Kompetente, erfahrene und mit dem nötigen Rüstzeug ausgestattete Entsorgungs- / Rückbaufirmen dürfen allerdings erst nach Abbrucherklärung ans Werk gehen. Demnach muss ein Ausbau vor dieser Erklärung von anderen Kräften durchgeführt werden, die nicht speziell dafür ausgebildet und ausgerüstet sind – eine zeitaufwändige und ineffiziente Angelegenheit.

Möglichkeiten

Schüttungen, Füllungen, Dachsubstrat etc sollten aus Recyclingmaterial hergestellt werden. Die Mitglieder des BRV Baustoffrecyclingverbandes bieten qualitätsgesicherte Recyclingprodukte an. Über die Recyclingbörse Bau können Materialien angeboten und gefunden werden.

Die Vienna Harvest Map ist eine Material-Austausch-Plattform, die für Wien und in weiterer Folge für Österreich, entwickelt wird. Die online-Datenbank ermöglicht eine Vernetzung von Nachfragern und Anbietern wiederverwendeter Bauteile. Aufbauend auf der holländischen Variante: www.oogstkaart steht die Plattform bislang nur in Englisch und Holländisch zur Verfügung.

Könnte nicht die Wiederverwendung von Bauteilen und Baumaterialien über ein europaweites Netzwerk organisiert sein? Fenster, die die technischen Anforderungen in Österreich (z.B. U-Wert) nicht mehr erfüllen, könnten für südlichere und wärmere Gegenden ideal sein.

Viele Produkte enthalten Recyclingmaterial, weil Wiederverwertung aber nicht immer auf Akzeptanz oder gar Begeisterung stößt, ist das nicht auf den ersten Blick ersichtlich. Recyclingmaterial wird oft als minderwertig und verunreinigt betrachtet, manchmal aber auch als Trendmaterial. Teppiche aus Fischfangnetzen, Fliesen mit hohem Rezyklatanteil, Stahl, Schaumglasschotter, manche Gipsbauplatten, Bodenbeläge aus Walnussschalen – mit etwas Aufmerksamkeit lassen sich Bauprodukte mit Rezyklatanteil einsetzen. Und auch die künstlerische Interpretation von gebrauchten Materialien wie etwa Nirostawaschbecken oder Autoglascheiben als Fassadenmaterial hat schon interessante Bauprojekte hervorgebracht. 

Ausblick

Wir befinden uns in einem Konflikt zwischen der Realität im Bauwesen (immer mehr Gebäude, viel Abfall) und den natürlichen Limitierungen (Ressourcenverbrauch, Bodennutzung, beschränkter Deponieplatz etc.).

Die Planungsphase ist ein wesentlicher Schlüssel zu einer funktionierenden „Kreislaufwirtschaft“ im Bauwesen. Einerseits sind Rückbaukonzepte für die End-of-Life-Phase zu erarbeiten, andererseits kann die Verwendung gebrauchter Bauteile forciert werden.

Der Entsorgungsindikator (EI) ist ein Planungsinstrument, um die Entsorgungseigenschaften eines Gebäudes als Summe aller Entsorgungseigenschaften seiner Bauteile abzubilden, und ist ein Kriterium in den Gebäudezertifikaten klimaaktiv Bauen und Sanieren sowie Total Quality Building (TQB). Dem/der Planenden ist damit ein Tool zur Hand gegeben, mit dem er/sie das Verwertungspotential eines Gebäudes einschätzen und optimieren kann. Die Berechnung des EI kann auf der baubook Homepage durchgeführt werden: www.baubook.info/eco2soft/

GesetzgeberInnen, PlanerInnen und Unternehmen müssen geeignete Technologien und Prozesse weiter verfolgen und entwickeln, damit wir für zukünftige Bauvorhaben genug Material in guter Qualität bekommen und Altlasten unschädlich machen können.

Literatur und weitere Informationen

[1] aus Wirkungsorientierte Folgenabschätzung Recycling-Baustoff-Verordnung, ergänzt

[2] Das AWG 2002, zuletzt geändert 2015, ist die nationale Umsetzung der EU-Abfallrahmenrichtlinie 2008.

Forschungsbericht 3/11 Bauen mit recycros
EI-Leitfaden

Bundesabfallwirtschaftsplan 2011

EI-Berechnung von Eco2Soft

 

 

Kontakt

Abb. 1: Anteile ausgewählter Abfallgruppen im Jahr 2014 in Österreich bezogen auf die gesamte Abfallmenge in Tonnen sowie Entsorgungswege der Fraktion „Bau- und Abbruchabfälle“. Quelle: Die Bestandaufnahme der Abfallwirtschaft in Österreich – Statusbericht 2015.
Abb. 2: Rückbau-Praxis. Quelle: bauteilnetz Deutschland Entwicklung zukunftsfähiger Instrumente zum besseren Umgang mit gebrauchten Bauteilen. Präsentation von Ute Dechantsreiter, BauZ! Kongress 2016, Tagungsband Neues von alten Häusern, Sanierung, Umnutzung, Recycling, IBO Verlag Wien 2016
Abb. 3: 5-stufige Abfallhierarchie gem. AWG.
Das AWG 2002 ist die nationale Umsetzung der EU-Abfallrahmenrichtlinie 2008, wurde zuletzt geändert 2015.
Abb. 4 Fassade aus gebrauchten Autoscheiben, 2012 Architects, Rotterdam, Quelle: Forschungsbericht 30/2011 nachhaltig wirtschaften: Bauen mit recycros