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Circular Economy JETZT
- wie Bauteile wiederverwendet werden können

Kreislaufwirtschaft,ein Beitrag zu einem nachhaltigeren Wirtschaftssystem, ist ein zentrales Thema der EU ebenso wie von Privatpersonen und Unternehmen. Einem Eurobarometer zufolge berücksichtigen 8 von 10 BürgerInnen den Einfluss auf die Umwelt bei ihren Kaufentscheidungen. Ziele und Pläne für die Zukunft werden in zahlreichen Forschungsprojekten auch für die Baubranche erarbeitet, was aber passiert mit bereits errichteten Strukturen, die jetzt abgerissen werden? Rahmenbedingungen werden besser, und neue Dienstleistungen wie digitale Baustoffbörsen werden marktreif. Circular Economy im Bauwesen bewegt Massen.

Rückbau & Recycling

Kreislaufwirtschaft

Bei der Umsetzung der 17 Sustainable Development Goals (SDGs) im Sinne der Agenda 2030 spielt Kreislaufwirtschaft insbesondere für die Einführung nachhaltiger Konsum- und Produktionsmuster (SDG 12) eine wesentliche Rolle. Auch der Ellen MacArthur Foundation, gegründet 2010, ist die Circular Economy ein großes Anliegen. Sie will den Übergang zu einer zirkulären Wirtschaft beschleunigen und hat sich mittlerweile als global agierender Player etabliert. Sie teilt ihre Aktivitäten in Themenbereiche ein, die auch für eine Betrachtung von Nachhaltigkeit im gesamten Lebenszyklus anwendbar sind:

  • Gebäude,
  • Mobilität,
  • Elektrogeräte
  • Essen und
  • Kleidung
  • Möbel

Auch die EU sieht Circular Economy als zentrales Thema, denn eine intelligentere Nutzung von Rohstoffen kann die CO2-Emissionen ebenso wie Kosten senken, Arbeitsplätze schaffen und Landschaftsverbrauch für Rohstoffabbau und Deponien verringern.

Abfallwirtschaft

Momentan funktioniert unser Wirtschaftssystem jedoch linear. Rohstoffe werden abgebaut, verwendet oder zu Bestand und dann zu Abfall, von dem ein Bruchteil rezykliert wird. In der Materialflussanalyse für Österreich 2014 (Abbildung 1) sind Biomasse, fossile Energieträger ebenso wie Metalle und nicht metallische Mineralien erfasst. Von 193 Millionen Tonnen (Mt) Input wurden 44 Mt als Abfall verbucht, nur 18 Mt wurden recycliert. Und mehr als die Hälfte, nämlich 105 Mt wurden als Nettobestandszuwachs verzeichnet. Die Bestände, das sind Straßen und Gebäude, volle Kleiderkästen und Autos, sie werden im linearen System früher oder später zu Abfall. Circular Economy soll diesen Abfallbergen entgegenwirken, allzumal die weltweiten Ressourcen zu knapp sind, um alles als Abfall zu entsorgen.

Willi Haas https://www.eu-umweltbuero.at/assets/EU-Umweltbuero/Magazin-EUropainfo/EUropainfo-2-18.pdf


Was ist Abfall?

Abfall lt. Gesetz ist eine Sache, derer sich der Eigentümer entledigen will und wenn diese Sache geeignet ist, öffentliche Interessen zu beeinträchtigen, also etwa die Gesundheit des Menschen gefährdet oder Gefahren für Wasser, Luft, Boden oder Tiere verursacht werden können. Die Regeln der Abfallwirtschaft befassen sich mit der Entledigung, eine mögliche Wiederverwendung ist im Betrachtungsrahmen eigentlich nicht vorgesehen. Im Abfallwirtschaftsgesetz ist die strikte Trennung von Verbrennbarem und nicht Verbrennbarem verankert. Verbrennen erzeugt zwar u.a. CO2-Emissionen, kann aber z.B. Erdöl ersetzen und als Fernwärme genutzt werden und verringert das Volumen des Abfalls auf ca. ein Zehntel. Damit wird Deponieplatz, der in Europa rar ist, gespart. Die Einteilung des Abfallaufkommens im Bundesabfallwirtschaftsplan hat mit der Einteilung nach den Lebensbereichen der Menschen, wie oben für die Kreislaufwirtschaft skizziert, wenig zu tun, wie der Übersicht zu entnehmen ist (Abbildung 2).

Die jüngste Bestandsaufnahme der Abfallwirtschaft zeigt, dass hierzulande die Bau- und Abbruchabfälle im Jahr 2017 [1] rund 10 Millionen Tonnen betrugen. Das sind durchschnittlich fast 1.160 kg pro Person, ein deutlicher Anstieg im Vergleich zu Vorjahren. Davon konnten 640.000 Tonnen auf Grund der Inhomogenität der Abfallströme nicht recycliert werden und landeten in der Deponie. Abhängig von der Konjunktur des Hoch- und Tiefbaus in Österreich ist das Aufkommen jährlich variabel und daher nicht exakt prognostizierbar. Trotzdem zeigen diese Fakten aus dem Bundesabfallwirtschaftsplan 2017 deutlich, dass in der Bauwirtschaft großes Potenzial für die Kreislaufwirtschaft liegt. Der im Dezember 2015 erstmals vorgelegte „Aktionsplan für die Kreislaufwirtschaft“ [2] reicht von Produktion und Konsum über Abfallvermeidung und dem Sekundärrohstoffmarkt bis zur Wiederverwertung, damit die Ressourceneffizienz erhöht wird. Closing the loop bedeutet bis 2030 zum Beispiel die Recyclingquoten für Siedlungsabfälle auf 65 % zu steigern, für Verpackungsmüll sogar auf 75 %.

Die Transformation zur Kreislaufwirtschaft ist dann denkbar, wenn Abfallwirtschaft vor dem Abfall beginnt. Im Bundesabfallwirtschaftsplan 2017 ist in der Abfallhierarchie erstmals die Abfallvermeidung angeführt, also ein systemübergreifendes Denken über die stoffliche Verwertung und Beseitigung hinaus. Das bedeutet, dass Kommunen, die für die Abfallübernahme verantwortlich sind, Geld für die Vermeidung von Abfällen bereitstellen können und sich damit auch für die Vermeidung zuständig fühlen.

 

Planen für den Rückbau

Die großen Mengen, die in der Bauwirtschaft bewegt werden, bewegen auch die PlanerInnen. Einleuchtend, dass angesichts der beeindruckenden Zahlen theoretisch der Rückbau mit Wiederverwendung (Re-Use) und Wiederverwertung (Re-Cycling) bereits in der Planung berücksichtigt wird. Schon 2010 lautete der Titel Titel eines Forschungsprojektes „recyclingfähig konstruieren“ [3], viele Projekte befassten sich meist theoretisch mit dem Re-Use- und Recycling-Potenzial in Gebäuden. Werkzeuge und Ideen aus der Bauwirtschaft wie modulares Bauen, digitale Methoden wie etwa BIM oder BAMB verheißen eine Zukunft, in der die Stadt als Rohstofflager für das Urban Mining dienen wird. Momentan sind die Rohstoffe der Zukunft beim Abriss von Gebäuden allerdings zuerst einmal Abfall.

 

Gebäudezertifizierungen

Die zahlenmäßige Erfassung auch von Rückbaupotenzialen ist Bestandteil von Gebäudezertifizierungen wie klimaaktiv in Österreich oder BNB in Deutschland. Am IBO wurde (beginnend 2009) eine Methode entwickelt [4], mit der die Entsorgung von Baumaterialien am Ende des Lebenswegs von Gebäuden bereits in der Planung ökologisch bewertet und in Zahlen ausgedrückt werden kann. Dazu werden Konstruktionen auf Bauteilebene betrachtet und ihr Recyclingpotenzial beziffert. Das Berechnungsprogramm eco2soft ermittelt einen Indikator, der Optimierungspotenziale deutlich sichtbar macht. Dieser Indikator wird in Österreich mit gängigen Bauphysikprogrammen ohne größeren Aufwand bei der Energieausweis-Erstellung mitgerechnet und kann dann bei Gebäudebewertungen wie etwa klimaaktiv Bauen und Sanieren oder ÖGNB Total Quality Building (TQB) für Punkte sorgen. [5]

In Deutschland werden öffentliche Gebäude mit dem Bewertungssystem Nachhaltiges Bauen für Bundesgebäude des Bundesbauministeriums, kurz BNB beurteilt. Im Kriteriensteckbrief BNB 4.1.4 Rückbau, Trennung und Verwertung wird eine ähnliche Methode angewendet. [6] Diese Methode wurde auf der BAMB (Buildings as Material Banks) 2019 in Brüssel vorgestellt. Auch DGNB beschreibt in einem Report vom Jan. 2019, wie Circular Economy in der Gebäudebewertung abgebildet werden kann. [7]

In Dänemark entwickelte die Lendager Group ein Tool, das die 169 Milestones der SDG betrachtet. Mithilfe dieses Werkzeugs errichten sie UN 17 Village, ein Gebäude mit 400 neuen Wohnungen in Kopenhagen als erstes Bauwerk, das sämtliche 17 SDG (Sustainable Development Goals) erfüllt. Nachhaltigkeit zeigt sich hier u.a. mit der Verwendung von recyceltem Beton, Glas und Holz für schadstoffarme und lebenswerte Innenräume.

Die Planungsphase ist ein wesentlicher Schlüssel zu einer funktionierenden „Kreislaufwirtschaft“ im Bauwesen. Einerseits können Rückbaukonzepte für die End-of-Life-Phase erarbeitet werden, andererseits kann die Verwendung gebrauchter Bauteile forciert werden. Diese Planungswerkzeuge und die heutigen Dokumentationsmöglichkeiten werden helfen, Gebäude, die heute geplant und errichtet werden, optimal rückbauen zu können und Häuser als Rohstofflager der Zukunft zu betrachten. Was jedoch heute rückgebaut oder abgerissen wird, birgt ebenso Potenziale, wenn auch manches schwierig zu bergen ist.

 

Bauwirtschaft

Bis vor 200 Jahren wurden Gebäude überall, in allen Kulturen im Wesentlichen aus 5 Baumaterialien, Steine, Holz, Planzenfasern, Kalk und Lehm, gebrannt und ungebrannt, errichtet. Dann kamen noch weitere zehn Materialien dazu, in den Gründerzeithäusern finden wir ca. 15 Materialien. Mit der Ära der Kunststoffe explodierte auch die Anzahl an Produkten, deren Eigenschaften und Eigentümlichkeiten heute von niemandem mehr gründlich gekannt wird. Dazu kommen die Weiter- und Neuentwicklungen sowohl in der Betontechnologie als auch bei Beschichtungsstoffen, bei Putzen und Bodenbelägen gleichermaßen wie bei Holzwerkstoffen und Haustechnik.

Die wenig veränderten Baustoffe früherer Zeiten wurden gerne wiederverwendet und wenn sie nicht wiederverwendet wurden, versanken sie ganz von alleine wieder im natürlichen Kreislauf. Selbst die Megalithen des Stonehenge waren hunderte Jahre vor deren Aufbau geschlagen und zuvor bereits näher am ursprünglichen Steinbruch verwendet worden. Für die Wiederverwendung prägten Archäologen zunächst den lateinischen Begriff „spolia“ (dt.: Spolien), meist für Bauwerke aus der römischen Zeit z.B. für den Triumphbogen Konstantins, der auf dem Bogen von Hadrian basiert. [8]

Komplexere Baustoffe mit vielen Bestandteilen und Inhaltsstoffen, die sich unerwünschterweise in der Umwelt anreichern können, sind schwieriger wiederzuverwenden. Das gleiche gilt für aufwändigere Konstruktionen, wie sie heutzutage üblich sind. Wärmedämmungen, die uns behagliche Behausungen mit geringem Heiz- und Kühlbedarf verschaffen, sind kaum sortenrein rückbaubar.

Die Wiederkehr in der Abfallwirtschaft

Die Vorsilbe „re“ zeigt uns, dass etwas wieder kommt oder rückgängig gemacht wird. Die Abfallwirtschaft definiert ihre Ideen gerne mit R, zum Beispiel im Lebensmittelbereich mit den 5 R: Refuse, Reduce, Re-Use, Recycle, Rot (Verrotten).

Der Grazer Abfallwirtschaftsplan verwendet 7 R (siehe Abbildung 3). Nach dem AWG Abfallwirtschaftsgesetz (Abbildung 4) werden Produkte nach Ablauf ihrer Lebensdauer entsorgt. Entsorgung umfasst Verwertung und Beseitigung. Verwertung wird unterschieden in thermische Verwertung, die auch schlicht als Verbrennung bezeichnet werden kann und stoffliche Verwertung, auch Recycling genannt. In der Bauwirtschaft bedeutet R vorwiegend Recycling und Re-Use, in Ausnahmefällen auch Rot, wenn Lehm, Stroh, Schafwolle oder andere nachwachsende Rohstoffe (inoffiziell) kompostiert werden.

Recycling – stoffliche Verwertung von Baumaterialien

Darauf basierend wird unter dem Baurestmassen-Recycling die stoffliche Verwertung von mineralischen Stoffen, sei es nun Aushub oder die schwieriger zu gewinnenden Ziegel-, Beton- oder Mörtel- und Putzfraktionen aus dem Hochbau und von Wertstoffen wie etwa Metallen verstanden. Dazu kommen die Störstoffe wie Gips und Schadstoffe wie z.B. Asbest. Wobei Gips, stofflich gesehen, sehr gut für die Verwertung geeignet ist und störend vor allem bei der Betonherstellung wirkt. 

Vor allem mineralische Stoffe machen Massen

Asphalt aus dem Straßenbau kann zu 80 % wiederverwendet werden und erfüllt damit bereits die Ziele der EU. Bei Beton- oder Ziegelbruch liegt der Anteil noch deutlich niedriger. Praktisch umgesetzt hat die Firma Wopfinger Transportbeton GmbH das Recycling von Baurestmassen. Sie bietet in Ostösterreich den IBO-zertifizierten Ökobeton aus Abbruch-Recyclinggesteinskörnungen an. Die Aufbereitung in den werkseigenen Anlagen ist derzeit nicht wirtschaftlich, aber könnte bei Änderung der gesetzlichen Vorgaben zum Marktvorteil werden. Es ist möglich100 % Recyclingbeton für den Unterbau in Straßenbau, im Hochbau 15 – 75 % einzusetzen.

https://wopfinger.com/produkte/oekobeton.html

Weitere Beispiele sind Ziegelsplitt als Bodenverbesserung und für Flachdachschüttungen.

Seit 1991 gilt die Baustoff-Recycling-Verordnung für Gesteinskörnungen. Der Baustoffrecyclingverband www.brv.at sorgt für die Einstufung und Qualität.

Die Mitglieder des BRV Baustoffrecyclingverbandes bieten qualitätsgesicherte Recyclingprodukte an. Über die Recyclingbörse Bau können Materialien angeboten und gefunden werden. Schüttungen, Füllungen, Dachsubstrat etc können und sollen aus Recyclingmaterial hergestellt werden.

Auch Metalle werden rezykliert – sie erzielen gute Preise und können auch relativ leicht aus dem Schutt herausgeholt werden.

Viele Produkte enthalten Recyclingmaterial, weil Wiederverwertung aber nicht immer auf Akzeptanz oder gar Begeisterung stößt, ist das oft nicht auf den ersten Blick ersichtlich. Manchmal aber wird Recyclingmaterial auch als Trendmaterial gesehen. Teppiche oder Badeanzüge aus Fischfangnetzen, Fliesen mit hohem Rezyklatanteil, Stahl, Schaumglasschotter, manche Gipsbauplatten, Korkdämmungen, Bodenbeläge aus Walnussschalen – mit etwas Aufmerksamkeit lassen sich Bauprodukte mit Rezyklatanteil finden. Beispiele dazu finden sich auch im Forschungsbericht Bauen mit Recycros – Bauen mit Recyclingmaterialien [9].

Auch Holz wird rezykliert, meist in der Papier- und Plattenindustrie. Holz wird aber auch wiederverwendet, wenn es nachweislich schadstofffrei ist. Dann erzielt es als Altholz bessere Preise. Oft wird es auch thermisch verwertet oder bei Kontamination mit Holzschutzmittel thermisch entsorgt. In der Abfallhierarchie wird die Wiederverwendung bei Schadstofffreiheit höherrangig eingestuft, ist aber im Bauwesen seltener anzutreffen.

Re-Use – die Wiederverwendung

Wiederverwendung umfasst die Begriffe Re-Use, Refurbishing, Remanufacturing, Re-Design, Upcycling-Design, Ersatzteilgewinnung, Reparatur, Restaurierung, Second Hand, Alt- und Gebrauchtwarenhandel. Oberstes Ziel in der Bauwirtschaft ist natürlich die Wiederverwendung von ganzen Gebäuden und Infrastruktur. Dort wo rückgebaut werden muss, geht es um die Wiederverwendung von Bauteilen oder –elementen, die zerstörungsfrei ausgebaut werden. Dazu muss der Rückbau umsichtig erfolgen, verankert ist die Verpflichtung zum verwertungsorientierten Rückbau mittlerweile in der Norm.

In ganz Europa gibt es – zum Teil schon seit vielen Jahren – Warenplätze für Re-Use-Bauteile.Mit der Digitalisierung werden die lokalen Angebote sichtbarer und die Logistik erleichtert. Eine der Online-Plattformen ist bei materialnomaden.at etabliert.Sie ist ein Beispiel für eine Material-Austausch-Plattform, die eine Vernetzung von Nachfragern und Anbietern wiederverwendeter Bauteile ermöglicht.

 

Re-Use mit den materialnomaden

Die materialnomaden verlängern mit dem Einsatz von re:use Material die Lebensdauer von Baumaterialien, sparen global Ressourcen und zeigen anhand konkreter Projekte das architektonische Potential von re:use. Jedes Material ist in seiner Verwendung Ausdruck seiner Zeit, es ist Ausgangslage und Inspiration für neue Interpretationen.

Ziel der materialnomaden ist es, lokal verfügbare Ressourcen über Innovationen und unternehmerische Initiativen so effektiv und gleichzeitig architektonisch anspruchsvoll wie möglich zu nutzen. Das re:use Potenzial ist auf nationaler wie internationaler Ebene groß und die Skalierung des Konzeptes naheliegend; die zunehmende, digitale Datenerfassung und das Tracking von Bauteilen sind für die re:distribution von Bauteilen hilfreiche Tools.

Materialnomaden sind eine Dachmarke und ein Kollektiv, bestehend aus ExpertInnen in Architektur, Stadtplanung, Baudurchführung und Restaurierung, Kunst und Design, sowie Tragwerksplanung und angeleitetem Eigenbau. Die seit März 2017 eingetragene „Genossenschaft zur Vermittlung von ReUse-Bauteilen eG - HarvestMAP“ und „Bauteiler GmbH&CoKG“ bilden den Kern der Tätigkeitsfelder materialnomaden. Das Anliegen der Mitglieder ist es, re:use Baustoffe vermehrt im Bauwesen zum Einsatz zu bringen, um damit einen Beitrag zur Kreislaufwirtschaft zu leisten. Die Idee orientiert sich an dem großen Leerstands- und Rückbau-Potenzial insbesondere in den Ballungszentren, dem Bestreben Ressourcen sinnvoll zu nutzen, Abfall zu vermeiden sowie individuelle Gestaltungsansätze auch in großen Bauvorhaben zu forcieren. Im Idealfall kommt re:use gleich am Ort der Materialquelle im neuen Projekt wieder zum Einsatz - direkt oder zweckentfremdet in transformierter Form als re:purpose. Re:purpose trägt zur Erweiterung der Einsatzmöglichkeiten von re:use bei, da gebrauchtes Material in seiner Ausgangsfunktion oftmals nicht mehr den Normen entspricht und durch eine Transformation einsetzbar wird.

Im re:store werden re:use Bauteile und -Materialien aus Rückbau Gebäuden, Einmal-Events wie Messen oder Theaterkulissen, Off-Cuts und Fehlchargen aus der Produktion online sowie im re:store bzw. re:market direkt vor Ort verkauft. Dienstleistungen zur Bewertung des re:use Potentials von Material und Gebäudekomponenten werden angeboten. Anhand von konkreten Umsetzungsprojekten, Consulting-Tätigkeiten, der Erstellung von Prototypen und der Vermittlung von re:use Bauteilen, wird der bautechnische, architektonische und künstlerische Mehrwert von Projekten mit dem vorgefundenen Material gefördert.

So wurde für das MAK (Museum für Angewandte Kunst) aus Aluminiumkabelkanälen und Lochblechelementen eine leicht rückbaubare und wiederverwendbare Ausstellungsarchitektur verwirklicht. Aus Heizungsabdeckgittern wurde ein Tor, aus Lochblechpaneelen eine Lichtinstallation. Unzählige Beispiele sind mittlerweile verwirklicht und dokumentiert, zum Beispiel im Buch „rebeauty“. Am erfolgreichsten können Rückbauprojekte mit der klaren Unterstützung von Bauherr_innen umgesetzt werden. So geschehen bei Magdas Hotel und Magdas Großküche, wo Tür- und Wandelemente für die Konstruktion neuer Zwischenwände eingesetzt, und Möbel und Teile der Terrassenlandschaft aus hölzernen Handläufen gefertigt wurden.   

Dass die Kommunikation einer klaren Vorgabe, wie beim dänischen „Circle House“, hilfreich ist, verwundert kaum. Dort postuliert die Lendager Group, dass 90 % der eingesetzten Materialien ohne signifikanten Wertverlust wiederverwendbar sein sollen. Ein wesentlicher Faktor für eine erfolgreiche Umsetzung eines Projekts wie das „Circle House“ mit 60 Wohneinheiten in verschiedenen Größen ist die Koalition zwischen Industrie, Auftraggeber, Behörden, Architekturbüros und Forschungsstätten! Mit diesem Haus ist die Umsetzung der SDG (Sustainable Development Goals) gelungen. John Sommer, Strategie- und Entwicklungsdirektor der Bauingenieursfirma MT Højgaard, sagt dazu: "Circular economy is not just about reusing volume, but also about reusing value“  

Neben dem Bauherrenwillen ist die frühzeitige Information, welches Material zur Verfügung stehen wird, die Dokumentation der technischen Eigenschaften und Verbindungstechniken, von den Maßen bis zur Farbe, von Gewicht bis zum Preis, wichtig, damit Planung und Kalkulation darauf abgestimmt werden können.

 

Transformation – das große ABC

Von der A wie Abfallwirtschaft über B wie Bauwirtschaft zu C wie Circular Economy werden wir nur kommen, wenn die Baubeteiligten von Anfang an daran denken, wiederverwendbares Material einzuplanen, Konstruktionen trennbar zu planen und dies dann auch in Kooperation mit den Ausführenden umsetzen.

Wenn Bauherren mit wiederverwendeten Materialien bauen wollen, wenn Planende von Anfang an die Möglichkeiten und Material-Verfügbarkeiten ausloten, wenn das Abfallkonzept des Störstofferkunders die zur Wiederverwendung geeigneten Materialien auflistet, das Abbruchunternehmen entsprechend beauftragt wird und die Haftungsfragen für die ausführenden Firmen geklärt sind. Zusammenarbeit ist nicht nur bei BIM gefragt, auch für mehr Re-Use müssen Allianzen geschmiedet werden, die heutzutage noch ungewöhnlich sind. Auch wenn der Weg zur Kreislaufwirtschaft in der Bauwirtschaft noch steinig ist - gelungene Beispiele wie etwa Magdas Großküche oder das Aushubmanagement in der Seestadt Aspern sind übertragbar.

Ein Werkstattgespräch von Susanne Dethlefsen, materialnomaden und Barbara Bauer, IBO im Herbst 2019

 

Weitere Lichtblicke

Im Rahmen des interdisziplinären Masterstudiengangs "Social Design – Arts as Urban Innovation" an der Universität für angewandte Kunst Wien haben Studierende mit 42 Personen über Circular Economy in der Bauwirtschaft gesprochen, darunter Caroline Thurner vom IBO.

Für die Bau- und Möbelbranche wird in einem EU-Projekt eine Ausbildung zur Kreislaufwirtschaft entwickelt. http://www.katche.eu

Adressen

 https://www.materialnomaden.at/shop Materialnomaden.at

Restado.de: Berlin, München, Hamburg, aber auch Polen, Österreich. restado bietet Bauschaffenden, Heimwerkern, Händlern und Herstellern eine benutzerfreundliche, bauspezifische Online-Plattform zum Handel mit übrigen Baustoffen, Restposten, Überproduktionen und Auslaufartikeln.

https://www.salza.ch Schweizer Plattform mit Such- und Alarmfunktion, unterstützt durch das Schweizer Bundesamt für Umwelt BAFU, um möglichst vielen wertvollen Bauteilen aller Art ein zweites Leben zu ermöglichen.

https://danube-goes-circular.eu/

"Your trash is my treasure" 16 Länder als Partner, es werden eher unübersichtlich und ohne Bild verschiedenste Materialien angeboten, nicht aber in Ö, von wo aber einige Bestpractice-Beispiele kommen. Unterrichtsmaterialien in Englisch

https://www.architekturblatt.de/hawa-student-award-2020/ Virtuelle Bauteilbörse

https://www.ihk-recyclingboerse.de/ Hier geht es um Abfälle, die zur Wiederverwertung angeboten werden können.

Willhaben.at nicht nur für Private

baukarussell.at: Fachplaner im verwertungsorientierten Rückbau unterstützen Bauherren bei der Erfüllung ihrer Verpflichtungen aus der Recycling-Baustoffverordnung und generieren Mehrwert.

 

Quellen

 [1] Bundesabfallwirtschaftsplan 2017 Medieninhaber und Herausgeber: BUNDESMINISTERIUM FÜR NACHHALTIGKEIT UND TOURISMUS https://www.bmnt.gv.at/umwelt/abfall-ressourcen/bundes-abfallwirtschaftsplan/BAWP2017-Final.html

[2] EU action plan for the Circular Economy, 2015.

[3] Recyclingfähig konstruieren Subprojekt 3 zum Leitprojekt gugler! build & print triple zer, Hildegund Mötzl, Ursula Schneider,Margit Böck 2010

[4] Assessment of Buildings and Constructions Maßzahlen für die Entsorgungseigenschaften von Gebäuden und Konstruktionen für die Lebenszyklusbewertung. H.Mötzl, C. Pladerer et al. Haus der Zukunft
https://nachhaltigwirtschaften.at/resources/hdz_pdf/1028_abc_disposal.pdf

[5] https://www.ibo.at/meldungen/detail/data/wie-die-eu-vom-oesterreichischen-entsorgungsindikator-profitieren-kann/

[6] Kriteriensteckbrief BNB 4.1.4 Rückbau, Trennung und Verwertung https://www.bnb-nachhaltigesbauen.de/fileadmin/steckbriefe/verwaltungsgebaeude/bestand___komplettmassnahme/v_2017/BNB_BK2017_414.pdf

https://www.ibo.at/forschung/referenzprojekte/data/untersuchung-von-gebaeudegebundenen-stoffstroemen-in-der-entsorgungsphase/

[7] https://www.dgnb.de/de/themen/circular-economy/index.php

[8] www.bauwelt.de/themen/betrifft/Architektur-im-Rueckwaertsgang-Recycling-Wiederverwendung-von-Baumaterialien-Rotor-3189877.html

[9] Bauen mit Recycros – Bauen mit Recyclingmaterialien Subprojekt 2 zum Leitprojekt gugler! build & print triple zero, Hildegund Mötzl, Ursula Schneider, Margit Böck 2010

Weitere Quellen

Rückbau und Recycling klimaaktiv FactSheet https://www.ibo.at/forschung/referenzprojekte/data/rueckbau-und-recycling/

VABÖ-Blatt 2/2019 zumThema Abbruch und Rückbau  https://www.vaboe.at/wp-content/uploads/2019/07/VAB%C3%96-2.19.WEB-1.pdf

Atlas Recycling  https://www.ibo.at/meldungen/detail/data/atlas-recycling/

 

 

 

Kontakt

Abbildung 1: Materialflüsse
Abbildung 2: Überblick Abfallwirtschaft Österreich 2015
Abbildung 3: 7R - Graz
Abbildung 4: AWG - Abfallhierarchie
Abbildung 5: re:store materialnomaden
Abbildung 6: MAK-Ausstellungsarchitektur
© Peter Kainz
Abbildung 7: Magdas Großküche Terrasse