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EnerPHit
Der etablierte Standard für eine Sanierung mit Passivhauskomponenten ist ab jetzt auch als schrittweise Zertifizierung möglich

Gebäude sind EU-weit für 40 % des Energieverbrauchs und 36 % der CO2-Emissionen verantwortlich. Substantielle Beiträge zur Erreichung der ambitionierten Klimaschutzziele (wie des Abkommens von Paris COP21) können – so sind sich alle Experten einige – nur mit der umfassenden Sanierung des Gebäudebestands (und das sind alleine in der EU rund 200 Millionen Gebäude) erreicht werden. Autoren: Maria Fellner, Andreas Galosi-Kaulich, IBO

Gebäudebewertung Passivhaus & Plusenergie Gebäude Bauphysik Sanierung

Wenn wir auf Österreich zurückkommen, so werden die Anforderungen an die thermische Gebäudehülle (wie sie im nationalen Plan definiert sind) zumindest für großvolumige Bauvorhaben in die Nähe des Passivhausstandards rücken. Energieeffizienzpotenziale sind noch in der Optimierung des Strombedarfs, der Effizienzsteigerung der haustechnischen Anlagen und der Maximierung der Energieerzeugung vor Ort auszuloten (allen voran Solarnutzung inkl. innovativer Speichersysteme, Umgebungs-/Abwärme, Windkraft, Wasserkraft etc.). Einen sehr hohen Hub in der Effizienzsteigerung ist im Gebäudesektor nur mehr bei den Bestandsgebäuden zu erwarten, wobei die Anforderungen an umfassende Sanierungen letztlich zu kurz greifen, da die meisten Sanierungen je nach finanziellen (Kredit-)Möglichkeiten der Gebäudeinhaber schrittweise und über mehrere Jahre verteilt erfolgen.
Darauf möchte die neue EnerPHit-Zertifizierung des Passivhaus-Instituts Darmstadt stärker eingehen, indem auch eine Schritt für Schritt Bewertung ermöglicht wird, aber nicht ohne einen umfassender Sanierungsplan inkl. sinnvoll gereihter Maßnahmenpakete oder die Vorbereitung auf zukünftige weitere Dämm- bzw. Sanierungsmaßnahmen im Fokus zu haben. Der Schwerpunkt liegt auf einer kontinuierlichen Erhöhung der nach wie vor niedrigen jährlichen Sanierungsraten, die stärker als im Neubausektor mit einer Ankurbelung der regionalen Wirtschaft (insbesondere KMUs) verbunden wären.
Dem widerspricht derzeit ein Trend: Immobilienbesitzer dürfen mit einer Steigerung der Immobilienwerte auch ohne Durchführung von wesentlichen Instandhaltungs- und Sanierungsmaßnahmen rechnen, da es aufgrund der gestiegenen Nachfrage nach Immobilien und der Flucht der Anleger in „Betongold“ zu einer kontinuierlichen Wertsteigerung von Bestandsobjekten kommt (nicht in allen Bundesländern gleich und nicht in Randlagen, aber es gilt sicher in und um die großen Ballungszentren).
Das Projekt EuroPhit setzt sich daher auch mit sinnvollen Finanzierungskonzepten, Fördermodellen und Hemmnissen, die sich durch Eigentümerstrukturen, Mietrechtsgesetzbestimmungen etc. ergeben, intensiv auseinander und versucht Lösungsansätze zu finden, die Faktor-10-Effizienzsteigerung auch durchgehend im Gebäudebestand zu erreichen. Neben wirtschaftlichen gibt es auch technische Rahmenbedingungen und Erschwernisse, die sich aus den Bauweisen der jeweiligen Zeitepochen der Bestandsobjekte ergeben, die es nicht immer unter vertretbarem Aufwand erlauben das Erreichen des Passivhaus(neubau)standards zu erreichen.

EnerPHit-Standard, die Sanierungsschiene der Passivhauszertifizierung1

Das Passivhaus Institut Darmstadt hat mit der Zertifizierungsform EnerPHit ein Instrumentarium geschaffen, die Anwendung von Passivhauskomponenten auf Einzelbauteile umfassend zu bewerten und wesentliche Verbesserungen hinsichtlich Komfort, Energieeinsparung und Bauschadensfreiheit zu erreichen.
EnerPHit kennt zwei alternative Nachweisverfahren: das Bauteilverfahren mit bauteilbezogenen Anforderungen (die Kriterien sind hier weitgehend mit denen von zertifizierten Passivhaus-Komponenten ident) oder gebäudebezogene Anforderungen (Energiebedarfsverfahren). Die einzuhaltenden Kriterien und Anforderungen variieren je nach Gebäudestandort und Klimazone, eine Zertifizierung nach EnerPHit ist damit weltweit möglich.

1 Kriterien für den Passivhaus-, EnerPHit- und PHI-Energiesparhaus-Standard, Version 9b, Stand: 30.06.2015, Hg.v. Passivhaus Institut Darmstadt (www.passiv.de, Zertifizierung)

Bauteilverfahren

Im Bauteilverfahren sind maximale Wärmedurchgangskoeffizienten (U-Werte) an opake Bauteile definiert, wobei zwischen außen- und innengedämmten Wänden in Abhängigkeit von den Heizgradtagen differenziert wird. Wärmebrückenfreiheit kann bei Sanierungen nicht immer mit wirtschaftlich vertretbarem Aufwand erreicht werden, Wärmebrücken sind daher – sofern sie Teil der Regelkonstruktion eines Bauteils sind – in der Berechnung der U-Werte mit zu erfassen. Für transparente Bauteile hängen die geforderten U- und g-Werte auch von der Einbaulage ab (es wird grundsätzlich zwischen Horizontal-, Schräg- und Vertikalverglasungen differenziert). Für heiße und sehr heiße Klimazonen sind auch die Außenfarben entscheidend für die Einhaltung der geforderten Kühllast: „Cool Colours“ mit hohem Solar-Reflexions-Index (SRI) werden zur Anwendung dringend empfohlen. Für Lüftungsanlagen ist ein Mindest-Wärmebereitstellungsgrad von 75 % in den warm- und kühlgemäßigten Klimazonen bzw. von mind. 80 % in kalten, arktischen Zonen oder extremen Berglagen gefordert, wobei die Betrachtungsgrenze die gesamte Lüftungsanlage darstellt (auch die Wärmeverluste der warmen Lüftungskanäle im kalten Bereich bzw. der kalten Kanäle im warmen Bereich sind zu bilanzieren). Die wärmetechnischen Anforderungen ans Erdreich grenzender Bauteile werden naturgemäß von den spezifischen Heiz- und Kühlgradtagen des Standorts bestimmt.
Für die EnerPHit-U-Wert-Regelungen kann es Ausnahmen aus Wirtschaftlichkeitsüber-legungen, Denkmalschutz-, Brandschutz- oder sonstigen baupraktischen Gründen geben. Dabei gilt, dass die U-Werte nur im unbedingt erforderlichem Maß überschritten werden dürfen (Anforderungen an den Mindestwärmeschutz sind auch bei Anwendung der Ausnahmeregelungen auf alle Fälle aus Gründen des thermischen Komforts und der Bauschadensfreiheit einzuhalten – siehe EnerPHit-Zertifizierungskriterien in der jeweils aktuellen Fassung, www.passiv.de/ Zertifizierung/Gebäude). Ebenso ist die Übertemperaturhäufigkeit (Anteil der Jahresstunden mit einer Innenraumtemperatur über 25 °C) bei Gebäuden ohne aktive Kühlung auf 10 % begrenzt sowie die Häufigkeit überhöhter Feuchte (absolute Raumluftfeuchte über 12 g/kg) auf weniger als 20 % bei Gebäuden ohne aktive Kühlung und auf 10 % bei Gebäuden mit aktiver Kühlung.

Energiebedarfsverfahren

Der spezifische Heizwärmebedarf nach PHPP ist für kühl-gemäßigte Klimata (in Mitteleuropa) mit 25 kWh/m²EBFa begrenzt, für arktische mit max. 35 kWh/m²a (dieser Fall kann auch für Berglagen in Österreich zur Anwendung kommen).  Der Kühl- und Entfeuchtungsbedarf werden subsumiert, wobei der Grenzwert für den Entfeuchtungsbeitrag in Abhängigkeit von Klimadaten, internen Feuchtelasten und Luftwechselzahlen variabel angesetzt ist und im PHPP (Passivhaus Projektierungs-Paket ab V9.0) automatisiert ermittelt wird.
Für beide Verfahren (Bauteil- oder Energiebedarfsverfahren) muss die Mindestanforderung an die Luftdichtheit von 1,0 1/h verpflichtend eingehalten werden.

EnerPHit Classic, Plus und Premium

Für die Einstufung in die Zertifizierungsklassen EnerPHit Classic, Plus und Premium sind seit 2015 Mindestanforderungen an den Bedarf erneuerbarer Primärenergie (PER) bzw. für die Klassen Plus und Premium zusätzlich auch an die Erzeugung erneuerbarer Energie (bezogen auf die überbaute Fläche) definiert. Für eine Übergangsphase kann der Nachweis für den Standard „EnerPhit Classic“ auch noch über die Einhaltung des Grenzwerts an nicht erneuerbarer Primärenergie erfolgen, wobei eine Zulassung auch nationaler Primärenergiekonversionsfaktoren (Stand April 2016) inklusive Anpassung der Anforderungen in Aussicht gestellt wird.
Sind bei einer Sanierung mehr als 25 % der opaken Außenwandflächen innengedämmt, wird das Siegel EnerPHit+i vergeben. Bei besonders ambitionierten Modernisierungen oder Sanierungen mit geringen baulichen Einschränkungen kann u.U. auch der (Neubau)-Passivhaus-Standard erreicht werden.

Schritt für Schritt Zertifizierung

Da 85 % der Modernisierungen in Deutschland als Teilsanierungen durchgeführt werden, wird ab 2016 eine schrittweise EnerPHit-Zertifizierung mit Ausstellung eines Vorzertifikats nach Umsetzung des ersten wesentlichen Teilschrittes und der Vorlage eines umfassenden Sanierungs(zeit)plans mit detaillierter Abstimmung der Einzelmaßnahmen in zeitlicher Reihenfolge zueinander möglich sein. Der erste Teilschritt sollte in jedem Fall entweder eine Reduktion des Heizwärmebedarfs um mindestens
20 % (oder 40 kWh/m²a) oder eine Reduktion des erneuerbaren oder nicht-erneuerbaren Primärenergiebedarfs um mindestens 20 % erreichen oder es sollte mindestens eine Wohneinheit bei mehreren Wohnungseigentümern saniert werden oder ein Zubau durchgeführt sein (Diskussionsstand: Passivhauszertifizierertreffen April 2016).

Komponentenentwicklungen für die Sanierung

Für die Verwendung neu entwickelter, auf die Altbausanierung abgestimmte Komponenten wurde umfangreiches Informationsmaterial auf der Website des vom PHI mit etlichen europäischen Partnern durchgeführten Projekts EuroPHit (http://europhit.eu/products-focus ) zur Verfügung gestellt, u.a. zu Wand-/Fassaden- oder Fenster-integrierten Lüftungssystemen mit WRG, Abwasserwärmerückgewinnung, Anschlussdetails bei Teilfassadensanierungen, Fensterneuentwicklungen für den Altbau und vieles mehr (Abb. 1+2)

Neue Online Plattform für EnerPHit- und Passivhauszertifizierungen

Die Abwicklung der Zertifizierung kann seit kurzem  auch auf einer eigenen Online Plattform unter certification.passivehouse.com/en/ erfolgen, die den interaktiven Arbeitsprozess zwischen Projekteinreicher und Zertifizierer deutlich erleichtern soll. Automatisierte Checklisten erhöhen die Qualitätssicherung und schaffen Planungssicherheit in Bezug auf erforderliche Unterlagen. Sucht ein Bauherr um die Zertifizierung eines Projekts an, wird pro Gebäude ein Account angelegt, der ggf. von verschiedenen Nutzern (Bauphysiker, Architekten, HKLS-Planer etc.) verwendet werden kann. Die Zertifizierer erhalten eine automatische Verständigung über den Upload neuer bzw. korrigierter Unterlagen. Damit soll der Ablauf der Zertifizierung straffer und effizienter gestaltet werden.
Im Falle einer schrittweisen EnerPHit-Zertifizierung ist neben den schon bisher erforderlichen Nachweisdokumenten ein umfassendes Sanierungskonzept (EnerPHit Retrofit Plan ERP) und ein genauer Zeitplan der Umsetzung vorzulegen. Besonderes Augenmerk ist dabei jenen Anschlussdetails bzw. Bauteilen/-komponenten zu widmen, die nicht zur selben Zeit renoviert werden und deren bauphysikalische Funktion auch in dieser Übergangsphase einwandfrei gewährleistet sein muss und den erwarteten Komfort an eine EnerPHit-Teilsanierung bringen müssen.
Zertifizierungskriterien und die zugrundeliegende Berechnungsmethodik unterliegen einer laufenden Überarbeitung und Anpassung an die fortschreitende technische Entwicklung. Für die Gebäudezertifizierung gelten daher prioritär die jeweils aktuellen Kriterien und Technischen Regeln (aktuell immer unter www.passiv.de oder http://www.ibo.at/passivhauszertifizierung) und nachrangig die in PHPP-Handbuch und PHPP-Programm beschriebene Berechnungsmethodik. Die Prüfung der erforderlichen Unterlagen auf Konformität mit den aktuellen Zertifizierungskriterien sowie die Ausstellung des Zertifikats erfolgt über frei wählbare, vom Passivhaus Institut akkreditierte Zertifizierer, zu denen auch das IBO mit einer mehr als 10-jährigen Erfahrung gehört.

Literatur

EuroPHit: Financing of Sustainable Building Retrofit: Guidelines for Financial Institutions (Coorodinator and Publisher: Passive House Institute, Co-Funded by the intelligent Energy Europe Programme of the European Union, 2016)
Implementing deep energy step-by-step retrofits: EuroPHit: Increasing the European potential (Coorodinator and Publisher: Passive House Institute, Co-Funded by the intelligent Energy Europe Programme of the European Union, 2016)
Steiner, T., Waltjen, T., Lipp, B., Lux, G., Keintzel-Lux, K., Schuh, W., Gründerzeit Toolbox: Smarte Konzepte auf Ebene der Nutzungseinheit (Forschungsprojekt gefördert von der Wirtschaftsagentur Wien 2015)
PHPP Passivhaus Projektierungs-Paket: Das Energiebilanzierungs- und Passivhaus-Planungstool für qualitätsgeprüfte Passivhäuser und EnerPHit-Modernisierungen, Version 9 (2015), Hg. v. Passivhaus Institut Darmstadt
Kriterien für den Passivhaus-, EnerPHit- und PHI-Energiesparhaus-Standard, Version 9b, Stand: 30.06.2015, Hg.v. Passivhaus Institut Darmstadt (www.passiv.de, Zertifizierung)

 

 

Kontakt

Passivhaus-Siegel EnerPHit-Siegel EnerPHit+i-Siegel
Tab. 1: EnerPHit-Kriterien im Bauteilverfahren
Tab. 2: EnerPHit-Anforderungen an die erneuerbare Primärenergie PER (Bedarf und Erzeugung vor Ort) entsprechend den Zertifizierungsstufen Classic, Plus, Premium
Abb. 1: Fenster mit integrierter Verschattung (z.B. Smartwin Compact S – pro Passivhausfenster), Quelle: Krick, B., EuroPHit, D5.1.3_Window_integrated_shading, 2016)
Abb. 2: Brauchwasserwärmerückgewinnung in einer Duschtasse, Quelle: Schnieders, J., EuroPHit, D 5.1.12 Drain Water Heat Recovery in Retrofits, 2015)
Tab. 3: Cross-Check bei Teilsanierungsschritten