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Farben als Gebäudesoftskills schaffen Stimmung im Raum
Vorab ein Auszug aus dem Buch: Gebäudesoftskills, die neue Dimension im Bauen

Praxis – Wissenschaft – Kunst

Forschung Behaglichkeit

Bei dem Aspekt „Gebäudesoftskills“ im Bauen und Planen geht es zuerst darum die komplexen Interaktionen zwischen Menschen und ihrer gebauten Umwelt zu verstehen. Dann können Planungen auf wissenschaftlich basierten Erkenntnissen aus den Humanwissenschaften in Kombination mit dem etablierten Erfahrungswissen aus dem Baubereich besser und gezielt auf die Bedürfnisse der Menschen zugeschnitten werden. Denn die Gründe für eine gute Raumqualität und salutogene (gesund erhaltende) Räume sind weder einfach noch direkt quantifizierbar.

Geht es doch beim „Behausen“ um das Objekt, den Menschen, mit seinen unterschiedlichen Bedürfnissen. So komplex und unterschiedlich wir Menschen sind, so vielfältig sind auch unsere Bedürfnisse und Ansprüche an unsere Behausungen bzw. Umgebung.

Sollen diese uns Schutz und Wohlfühlraum sein und helfen unsere Ressourcen und Kräfte zu regenerieren oder unterstützen, dann geht dies nur mit großer Aufmerksamkeit, schon bei der Planung und unbedingt mit dem Blick auf psychische und physische, soziale und kreative Bedürfnisse der Nutzer - der Bewohner - der Menschen. Die Planung von Gebäuden sollte daher eingebettet sein in dem Wissen woher wir kommen, wie wir reagieren und was wir brauchen.

Als Gebäudesoftskills werden Farben an den Gebäudeteilen in Kombination mit Materialien funktionell und emotional angewendet. In der Gesamtkomposition sind sowohl die Unterstützung der menschlichen Bedürfnisse als auch ästhetische Kriterien in Kombination mit den architektonischen Räumen relevant.

Die Abstimmung der Farben und Materialien, mit ihren Eigenfarben, erfolgt vor dem Hintergrund wissenschaftlicher Erkenntnisse und Erfahrungen beispielsweise aus den Proportions- und Kontrastlehren über deren Wirkungen im Raum.

Das übergeordnete Ziel eines Farbkonzeptes ist die Annäherung funktional gestalteter Räume an die Bedürfnisse der Menschen. Dabei sollten diese in ihren jeweiligen Tätigkeiten sowie der architektonische Entwurfsgedanke optimal unterstützt werden.

Oft werden zur Farbgestaltung folgende Fragen gestellt:

Ich habe schon ganz viele farbige Möbel und Bilder, reicht das schon aus?

Um eine spezifische Stimmung im Raum zu erzeugen ist das zu wenig. Für diesen Effekt sind hauptsächlich die großen Flächen zuständig: Boden, Wand und Decke. An diesen, dem Gebäude verbundenen Flächen wirken Farben als Gebäudesoftskills auf uns Menschen. Größere Flächen haben im Allgemeinen stärkere Effekte als kleine; intensivere Farben erzeugen mehr Stimulation als Helle. Dabei geht es um die richtige Balance aller Farbflächen im Raum. In der Praxis ist es deshalb sinnvoll, auf großen Flächen hellere Farben zum Schaffen von Grundstimmungen anzuwenden. Kleine Flächen eignen sich gut, um mit intensiveren Nuancen Akzente zu setzen. Ein harmonisches Gesamtbild entsteht mit der richtigen und zielorientierten Abstimmung von Größen, Helligkeiten und Nuancen aufeinander.

In der Natur dienen Farben beispielsweise der Information, Orientierung, Kommunikation und Gestaltung. Sie wirken auf uns Menschen komplex und vielfältig sowohl als Farbinformation (optisch), als auch auf Körperfunktionen (physiologisch) und Stimmungen (psychisch).

In Räumen und Gebäuden steht das Zusammenspiel aller Farben im Mittelpunkt - sogenannte „Farbklänge “ -  denn Farben interagieren stark miteinander. Vergleichbar ist das mit einem Musikstück: ein Ton für sich ist nur ein Ton, aufeinander abgestimmte Töne erzeugen eine Harmonie. Genauso erzeugen Farben miteinander einen harmonischen Klang im Raum sowie eine Melodie im Durchschreiten der aufeinanderfolgenden Farbräume.

Farben kommunizieren also miteinander? Wie kann ich das verstehen?

Die Art und Weise wie Farben einander beeinflussen ist sehr ausführlich in der Kontrastlehre bei Johannes Itten1 beschrieben: Manche Farben bringen einander wechselseitig zum Leuchten, andere dämpfen einander, manche erzeugen viel Dynamik und Bewegung, andere wirken beruhigend. Möchte man Räume mit viel Anregung und Dynamik versehen, wählt man starke Kontraste. Will man hingegen Ruhe und Entspannung fördern, sind geringe und weiche Kontraste gefragt.

Zusätzlich wirken Farben verschieden, je nach Intensität, Größe der Fläche oder ihrer Position im Raum. So wirkt z. B. ein hellblauer, vielleicht sogar glänzender Boden eher verunsichernd und destabilisierend. An der Decke des Raumes hingegen erscheint uns Hellblau leicht und luftig.

Will man eine bestimmte Wirkung erzeugen oder bestimmte Wohnbedürfnisse erfüllen, setzt man solche Phänomene gezielt ein - also angewandte Farbenpsychologie und Kontrastlehre im Raum, je nach Nutzungen.

Welche Farbe hilft mir jetzt beim Arbeiten?
Mit welcher Farbe kann ich mich gut entspannen?

In der Natur sind wir ständig von vielen verschiedenen Farben umgeben, da sie dort nie isoliert vorkommen. Daher reagieren wir immer auf einen Farbklang - das Zusammenspiel mehrerer Farben im Raum. Klar ist, dass nicht eine Farbe alleine eine bestimmte Wirkung auf den Menschen hat, es geht stets um das Zusammenwirken aller vorhandenen Farben und Materialien mit ihren Farbinformationen.

Als gesichert gilt, dass Farben ständig subtile Wirkungen (bewusst und unbewusst) auf uns Menschen ausüben, uns anregen oder beruhigen, Erinnerungen wachrufen, Informationen und Orientierung liefern, ästhetisch schön empfunden werden – uns einfach berühren.

Eine wissenschaftlich fundierte Farbgestaltung z. B. nach der Methode des IACC2  (International Association of Color Consultants) bedeutet, humanwissenschaftliche Erkenntnisse aus verschiedensten Fachgebieten in den Entwurf einzubeziehen. Dabei geht man weit über eine Behübschung hinaus und verfolgt ein zu Beginn klar definiertes Ziel. Dieses stellt die Bedürfnisse der jeweiligen Nutzergruppen ins Zentrum der Gestaltung und beachtet die visuellen, ergonomischen, physiologischen sowie psychologischen Auswirkungen der Farben auf den Menschen im Raum. Eine humane Gestaltung des Lebensumfeldes nach wissenschaftlichen und ästhetischen Kriterien, sowie in Kommunikation mit der Umwelt wird dabei angestrebt.

Als Gebäudesoftskills interagieren und reagieren z. B. Fassadenfarben im Straßenraum mit ihrem Umfeld und deren Nutzerinnen und Nutzern. So können Farben ein Gebäude je nach gewünschter Wirkung in den Straßenzug einbinden, als wäre es immer schon dagewesen, oder es betonen und hervorheben. Im Innenraum beeinflussen Farben auf den raumformenden Flächen die Aufenthaltsqualität und können dort z. B. Proportionen scheinbar verändern oder Nutzungszonen  definieren. Auf diese Weise wirken mit den richtig gewählten Farben zu niedrige Räume höher, zu lange Gänge werden unterteilt und damit optisch verkürzt. Somit wird das Raumgefühl insgesamt angenehmer gestaltet.

Farben bringen mitunter fehlende Raumqualitäten ein - Frische, Kühle, Wärme, Sonne etc. So tragen sie zur besseren physischen und psychischen Befindlichkeit bei und können den Lebenskomfort erhöhen, diesen jedoch bei falscher Anwendung senken.

Welche Rolle spielt denn das Licht für die Farben?

Erst Licht bringt Farben zum Strahlen und somit zum Erscheinen. Wir brauchen Licht um Farben wahrzunehmen. Licht und Farben sind zwei Gebäudesoftskills, die einander bedingen und auch verändern können.

Physikalisch gesehen sind Farben unterschiedliche Wellenlängen, Teile des Lichtes, die von Flächen reflektiert primär von Rezeptoren im menschlichen Auge wahrgenommen, sowie im Gehirn verarbeitet werden. Messen kann man die physikalische Charakteristik einer Farbe relativ einfach, doch Eindruck und Wirkung von Farben sind wesentlich schwieriger zu erfassen, weil sie von sehr vielen, komplex zusammenwirkenden Einflussfaktoren abhängen.

Das Sonnenlicht im Freien erzeugt durch sein kontinuierliches Farbwiedergabespektrum den natürlichsten Eindruck. Scheint es durch ein Fenster werden schon durch die Gläser gewisse Lichtanteile herausgefiltert.

Von der künstlichen Beleuchtung kommen Leuchtmittel mit einem hohen CRI Index (über 90) der Qualität des Sonnenlichtes (CRI= 100) am nächsten. Dazu gehören Halogenleuchten oder hochwertige LED Leuchten. Energiesparleuchten haben ein lückenhaftes Farbwiedergabespektrum, welches Farben stark verändern kann.

Für die Praxis ist es wichtig zu wissen, dass Lichtquellen mit verschiedenen Lichtqualitäten Farben unterschiedlich erscheinen lassen und so unsere Farbwahrnehmung beeinflussen.

Auch unterschiedliche Oberflächenstrukturen, Materialien oder die Technik des Farbauftrags verändern den Farbeindruck. Glatte Flächen erscheinen heller als strukturierte Flächen, glänzende Flächen anders als Matte, wenn sie mit genau derselben Farbe gestrichen werden.

Wenn Farben als Gebäudesoftskills bewusst, zielorientiert und nach humanwissenschaftlichen Erkenntnissen im Raum eingesetzt werden, entfalten sie durch das Zusammenspiel untereinander und in Kombination mit anderen Gebäudesoftskills, ihre subtile Wirkung auf den Menschen. Ganz neue Raum- und Aufenthaltsqualitäten in der Architektur können so entstehen. Das Ergebnis sind Räume, die zu mehr Wohlbefinden beitragen und uns Menschen richtig gut „be-herbergen“.

Weiterführende Literatur

1) Itten Johannes (1970). Kunst der Farbe. Studienausgabe. Urania Verlag, Stuttgart.

2) Entwicklung und Grundsätze des IACC, gegründet 1957 – siehe https://iaccna.com/history/

Meerwein Gerhard, Rohdeck Bettina, Mahnke Frank H. (4. Ausgabe 2007, 1998) Farbe – Kommunikation im Raum. Birkhäuser, Basel Boston Berlin.

Kontakt

Die Methode des IACC (International Association of Color Consultants)
© Pia Anna Buxbaum, Archicolor
Leitfarben für Alten- und Pflegeheim, Kolpinghaus 1010 Wien
Thema: Verbesserung der Orientierung – vertikal und horizontal, Stimulation
© Pia Anna Buxbaum, Archicolor
Mögliche Ganggestaltungen
Thema: Strukturierung, Ergänzung der fehlenden Sonne, Stimulation
© Pia Anna Buxbaum, Archicolor
Farbabstimmung auf der Baustelle, Thema Gestaltung der Feuermauer
© Pia Anna Buxbaum, Archicolor
Baustelle Tulln: Abstimmung aller Fassadenelemente, Strukturierung des Baukörpers sowie Einbindung in die stark farbige, kleinteilige Umgebung
© Pia Anna Buxbaum, Archicolor