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Corporate Social Responsibility im Bauwesen
Wie arbeitet es sich in der Baustoffproduktion?

Bananen aus fairem Handel, Turnschuhe mit überprüfter Lieferkette, Goldschmuck ohne Waffenfinanzierung, Teppiche ohne Kinderarbeit – wir wollen wissen, wer für uns arbeitet und wie. Den Trend, Verantwortung für Arbeitsbedingungen in einer globalisierten Wirtschaft zu übernehmen, hat auch natureplus übernommen und mit der neuen Vergaberichtlinie RL 5004 Transparenz und Soziale Verantwortung in prüfbare Kriterien gegossen.

Materialökologie Produktprüfung

Im vergangenen November hat der natureplus e.V. die Vergaberichtlinie 5004 verabschiedet, die eine transparente und verantwortungsvolle Ressourcengewinnung sowie soziale Verantwortungin der gesamten Wertschöpfungskette gewährleisten soll. Damit werden Hersteller in Bezug auf Corporate Social Responsibility (CSR) stärker in die Pflicht genommen.

Soziale Nachhaltigkeit in Unternehmen … aus Sicht der Europäischen Kommission

Die Europäische Kommission spricht von Corporate Social Responsability, „wenn Unternehmen in ihrem Tagesgeschäft freiwillig bestimmte gesellschaftliche und ökologische Ziele anstreben, die über das gesetzlich geforderte Maß hinausgehen.“ [1] Die Tätigkeitsfelder und Maßstäbe sind dabei von Unternehmen zu Unternehmen unterschiedlich und reichen von nachhaltigen Produktinnovationen über Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz der MitarbeiterInnen, Initiativen zur Chancengleichheit und Maßnahmen gegen Korruption bis hin zu konkret bezifferten Klima- und Ressourcenschutzzielen. Dabei ist die Einführung von entsprechenden Standards aus ökologischen oder sozialen Erwägungen heraus allein zwar wünschenswert, aber vermutlich unrealistisch. Unternehmen werden – und müssen – immer auch die ökonomischen Aspekte berücksichtigen (z.B. Energieeinsparungen, Reduktion der Fehler- und Unfallhäufigkeit etc.), die sich dann in der CSR Strategie wiederfinden. Trotz der daraus auch resultierenden positiven sozialen und ökologischen Effekte stehen Unternehmen daher häufig in der Kritik. Die Vorwürfe reichen von „ausschließlich finanziell motiviert“ bis hin zu „greenwashing“. Fallweise mag das berechtigt sein, die Europäische Kommission sieht in ihrer „Strategie für die soziale Verantwortung“ [2] die Synergien und gesellschaftlichen neben den ökonomischen Vorteilen: „Wenn sich die Unternehmen ihrer sozialen Verantwortung stellen, können sie bei den Beschäftigten, den Verbrauchern und den Bürgern allgemein dauerhaftes Vertrauen als Basis für nachhaltige Geschäftsmodelle aufbauen. Mehr Vertrauen wiederum trägt zur Schaffung eines Umfeldes bei, in dem die Unternehmen innovativarbeiten und wachsen können.“

… und im Zertifizierungssystem natureplus

Ökologisches und soziales Engagement ist demnach auch immerein Kompromiss, im Idealfall aber – wenn wir uns am CSR-Modell von Archie B. Carroll und Mark S. Schwartz [3] (siehe Abbildung 1) orientieren – eine win-win-win Situation aus sozialen, ökologischen und ökonomischen Interessen: Carroll und Schwartz gehen von drei Verantwortungsbereichen aus: Ökonomisch, ethisch – hier sind die ökologischen Aspekte zuzuordnen – und legal. Aufgrund ihrer Überschneidungen ergeben sich insgesamt sieben Varianten von CSR mit unterschiedlichen Schwerpunkten. Der Ansatz von natureplus ist vorwiegend ökologisch. Weil aber die Gebrauchstauglichkeit der Produkte, nachgewiesen zum Beispiel durch bauaufsichtliche Zulassungen oder normengerechte Produktion, eine weitere Zertifizierungsvoraussetzung ist, bewegt sich das Label mit seinen Anforderungen im Bereich der 6. CSR Kategorie „legal-ethisch“. Ökonomische Aspekte werden bei natureplus u.a. über die Einbindung von Stakeholdern berücksichtigt: Sie geben wichtigen Input zur Machbarkeit, also zur Anwendbarkeit der Kriterien und zu den damit verbundenen Prüfaufwänden. Mit den Anforderungen an die Holzgewinnung und Holzherkunft sind entsprechende Standards produktgruppenbezogen schon länger eingeführt, bzw. gelten CSR Label, genauer FSC und PEFC, als Nachweis für eine nachhaltige Rohstoffgewinnung und Vorproduktherstellung der Holz- und holzverarbeitenden Industrie (Vgl. natureplus Vergaberichtlinie RL 5002 Holzgewinnung und -herkunft). Mit der produktgruppen-übergreifenden Ausweitung werden die Sozialstandards und Transparenzkriterien nun auf alle Produkte angewendet. natureplus schließt sich mit der Richtlinie 5004 einer Reihe unabhängiger und anerkannter Label an, die sich seit Jahrzehnten der Verbreitung von Sozial- und ökologischen Standards in unterschiedlichen Branchen verschrieben haben (siehe Infokasten).

Internationale Sozial- und Umweltstandards (Auswahl)

Der Forest Stewardship Council (FSC) ist eine internationale, gemeinnützige Organisation, die mit dem FSC Label Produkte aus ökologisch und sozial verantwortlicher Waldbewirtschaftung auszeichnet. Der Standard zielt u.a. auf nachhaltige Nutzung und ökologische Vielfalt der Wälder, den Schutz seltener Arten und Ökosysteme sowie auf faire Entlohnung ab.

Fairtrade International repräsentiert das weltweit größte und anerkannteste Fair-Trade-System und versteht sich als ein alternativer Ansatz für den konventionellen Handel, der auf einer Partnerschaft zwischen Herstellern und Händlern, Unternehmen und Verbrauchern beruht. Mit seinen Aktivitäten und dem Fairtrade Standard will Fairtrade International u.a. benachteiligte Produzenten und Konsumenten verbinden, fairere Handelsbedingungen fördern und Produzenten in die Lage versetzen, Armut zu bekämpfen und ihre Position zu stärken.

Der Global Organic Textile Standard (GOTS)http://www.global-standard.org/de/ueber-uns.html richtet sich an die Umwelt- und Arbeitsbedingungen der Textil- und Bekleidungsproduktion und deren gesamter Lieferkette. Er setzt eine biologische Produktion ohne den Einsatz toxischer, bleibender Pestizide, Düngemittel und genetische Veränderungen sowie eine entsprechende Tierhaltung voraus.

Der Fokus liegt auf der Transparenz der Stoffströme: „Die Herkunft, die Anbau- und Ernte bedingungen bzw. die Abbaubedingungen von Rohstoffen und Sekundärrohstoffen sowie ihre Verarbeitung über die Wertschöpfungskette müssen transparent und nachvollziehbar offengelegt werden. […] Das Ziel ist, diese Transparenz durch einen geschlossenen Nachweis der Lieferkette (Chain-of-Custody - CoC) zurück bis zur Gewinnung des Primärrohstoffs herzustellen.“ Außerdem soll die sozial verantwortliche Gewinnung der Roh- und Einsatzstoffe gewährleistet werden, nämlich „dass die verwendeten Rohstoffe und Einsatzstoffe sozial verantwortungsbewusst gewonnen wurden und auch die Produktion selbst den Grundsätzen sozialer Verantwortung genügt:

  • Verbot von Kinder- und Zwangsarbeit
  • Schutz des Rechts auf Vereinigungsfreiheit
  • Zahlung gleicher Löhne und Nichtdiskriminierung
  • Einhaltung von Arbeitsschutzmaßnahmen
  • Einhaltung internationaler Standards ethischen Wirtschaftens
  • Keine Materialien aus Krisen- und Bürgerkriegsgebieten
  • Keine Gefährdung der Lebensgrundlage der lokalen Bevölkerung
  • Einhaltung der Rechte indigener Völker.“

Als Nachweis der Einhaltung dieser Anforderungen muss der Hersteller zumindest mittels einer verbindlichen Herstellererklärung die Einhaltung der oben genannten Anforderungen für sein Unternehmen sowie für die beteiligten Vorunternehmen zusichern. Wenn das nicht möglich ist, muss der Hersteller einen Beleg der Übereinstimmung von den Vorunternehmen der Lieferkette einholen.
Daneben enthält die RL 5004 weitere Anforderungen im Hinblick auf die Fertigungsstätte: So muss am Standort ein Sicherheits- und Gefahrstoffmanagement existieren und die Transparenz der Stoffströme gewährleistet sein. Die Produktqualität ist durch Qualitätsprüfungen und Qualitätssicherungsmaßnahmen für die wesentlichen Produktmerkmale laut Leistungserklärung zu gewährleisten. Weitere Dokumentationen betreffen die Qualität des Prozesses, also Abfallmanagement, Wasser- und Energieverbrauch.

Relevanz von Sozialstandards für österreichische Bauprodukte?

Man könnte argumentieren, dass in Österreich und in einem Großteil Europas die o.g. Grundsätze sozialer Verantwortung ohnehin über die gesetzlichen Vorgaben geregelt und damit eingehalten sind. Das mag für die hier ansässigen Unternehmen und Produktionsstandorte auch in der Regel gegeben sein. Entlang der Lieferkette können sich in Abhängigkeit von den Einsatzstoffen jedoch Zweifel ergeben: Viele Einsatzstoffe für Bauprodukte werden am globalen Markt erworben. Im Bereich der mineralischen Einsatzstoffe sind dann beispielsweise die Abbaugebiete von besonderer Bedeutung und es gilt nachzuweisen, dass die Rechte indigener Völker bei der Rohstoffgewinnung eingehalten werden und ihre Lebensgrundlagen erhalten bleiben. Für synthetische Einsatzstoffe, wenngleich sie in natureplus zertifizierten Produkten in der Regel nur in untergeordneten Mengen vorkommen, sind hingegen verstärkt die jeweiligen Arbeitsbedingungen hinsichtlich des Gesundheitsschutzes und der ArbeitnehmerInnenrechte zu überprüfen. Es ist also durchaus wichtig, auch die in Europa hergestellten Bauprodukte genauer zu beobachten. Im Detail durch eine Fertigungsstätteninspektion am zu zertifizierenden Standort und (zunächst) stichprobenartig und mit Herstellerbestätigungen über die Lieferkette.

natureplus betritt damit Neuland, weshalb die Richtlinie zunächst als Entwurf veröffentlicht wurde. Im laufenden Jahr werden die Kriterien bei allen Prüfungen angewendet und die Ergebnisse dokumentiert. Die Erfahrungen der PrüferInnen und die Rückmeldungen der Hersteller und Vorprodukt- und Rohstofflieferanten werden im Rahmen einer Anhörung und anschließenden Überarbeitung der Kriterien in die Richtlinie einfließen. Ende des Jahres soll eine prüfungsrelevante Fassung verabschiedet werden. Die Vergaberichtlinie RL 5004 Transparenz und Soziale Verantwortung im Wortlaut finden Sie unter http://www.natureplus.org, dort unter Gütezeichen / Vergaberichtlinien / RL 5000 Grundlagenrichtlinien.

Literatur

[1] Soziale Verantwortung der Unternehmen (SVU) in der EU, abrufbar unter ec.europa.eu/social/main.jsp, letzter Zugriff 07.05.2018
[2] Mitteilung der Kommission an das Europäische Parlament, den Rat, den Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschuss und den Ausschuss der Regionen, Eine neue EU-Strategie (2011-14) für die soziale Verantwortung der Unternehmen (CSR), Brüssel, den 25.10.2011, KOM/2011/0681 endgültig, abrufbar unter http://eur-lex.europa.eu/legal-content/EN/TXT/?uri=CELEX:52011DC0681, letzter Zugriff 07.05.2018
[3] Schwartz, M., & Carroll, A. (2003). Corporate Social Responsibility: A Three-Domain Approach. Business Ethics Quarterly, 13(4), 503-530.doi:10.5840/beq200313435
[4] Schwartz, M., & Carroll, A. (2003). Corporate Social Responsibility: A Three-Domain Approach Business Ethics Quarterly, 13(4), 503-530. doi:10.5840/beq200313435

Kontakt

Abb. 1: Venn-Diagramm des CSR-Modells nach Carroll und Schwartz. Mit dem natureplus Qualitätszeichen abgedeckte Bereiche sind dunkel umrandet dargestellt.
[4]
Abb. 2: Mitgliedersparten des Vereins natureplus e.V. Quelle: http://www.natureplus.org