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Gips auf dem Weg in die Kreislaufwirtschaft
Gipsrecycling als eine Maßnahme zur Ressourcensicherung im Bauwesen

Der Ressourcenverknappung soll mithilfe der Kreislaufwirtschaft auch im Bauwesen entgegengewirkt werden. Das gilt auch für Gips, der sich theoretisch für ein stoffliches Recycling ohne Qualitätseinbußen eignet. Praktisch gibt es viele Stellschrauben, die beachtet werden müssen. Jedenfalls ist mit dem Deponieverbot der Weg von Gipsbauprodukten in die im Herbst 2025 eröffneten Recyclinganlage vorgebahnt - ein Bericht über einen Lokalaugenschein in Stockerau.

Baustoffe, BauteileSanierung, Recycling

Schon früh wurde Gips vielseitig genutzt: als Düngemittel, für Stuckarbeiten, als leicht bearbeitbarer
Schmuck- und Heilstein und in der Medizin, etwa zur Ruhigstellung von Knochenbrüchen oder für Abdrücke.
Im Salzkammergut zählt er neben Steinsalz zu den wichtigsten Bergbauprodukten.[1] Mit der Zeit verlagerte sich die Hauptnutzung jedoch in die Bauwirtschaft. Heute wird der Großteil des Gipses zu Gipsplatten
und Spachtelmassen verarbeitet. Einen entscheidenden Impuls gab die Patentanmeldung der Gipsplatte durch Augustine Sackett in den USA im Jahr 1894. In Europa begann 1938 die industrielle Fertigung in Riga, woraus später der Name „Rigips“ entstand. Nach dem Zweiten Weltkrieg setzte sich die Gipskartonplatte in Deutschland durch und damit etablierte sich auch die Trockenbauweise [2]. Mit der Gründung von Rigips Austria 1971 begann die Produktion von Gipsplatten in Bad Aussee [3].

Der Erfolg der Gipsplatten beruht auf mehreren Faktoren: Gips ist ein günstiger Rohstoff, zunächst aus Naturvorkommen, später auch aus Rauchgasentschwefelungsanlagen gewonnen. Die einfache Handhabung ermöglicht sowohl Heimwerker:innen als auch Fachbetrieben effizientes Arbeiten. So ist die Trockenbauweise derzeit gleichzusetzen mit Unterkonstruktionen aus Metallprofilen, Dämmstoffen wie Mineral- oder Steinwolle und Verkleidungen aus Gipsplatten oder Zementplatten. Heute ist der Trockenbau mit einer eigenen Leistungsgruppe (LG 39, Leistungsbeschreibung Hochbau) fest in Bauvorschriften verankert und aus dem Innenausbau nicht mehr wegzudenken.

Rohstoffverknappung: Politik und Bauwirtschaft vor neuen Herausforderungen

Was lange als nahezu unbegrenzt verfügbarer und günstiger Rohstoff galt, gerät zunehmend unter Druck. Der klassische Naturgipsabbau stößt vor allem in Deutschland auf Widerstand von Umweltschützer:innen. Gleichzeitig führt der Ausstieg aus der Kohleverstromung dazu, dass REA-Gipse als Nebenprodukte aus Rauchgasentschwefelungsanlagen deutlich seltener  anfallen (werden).

Politik und Wirtschaft reagieren darauf mit strategischen Maßnahmen: In Österreich setzt der Masterplan „Rohstoffe 2030“ auf eine langfristig gesicherte Versorgung, auch im Bereich Gips [4]. Auch der europäische Kreislaufwirtschaftsplan forciert das Recycling [5].

Wohin mit dem Gips? Recycling wird zur Schlüsselaufgabe der Bauwirtschaft

Die viel geschätzte Flexibilität von Leichtbauwänden aus Gipskarton hat eine Kehrseite: Wenn sich Raumkonzepte ändern – etwa vom Zellenbüro zum Großraumbüro und wieder zurück – fallen in kurzer Zeit enorme Mengen an Gipsplatten an. Heute gilt jedoch: Diese Materialien sind kein Abfall mehr, sondern ein Wertstoff. Denn mit dem Deponierungsverbot für Gips rückt die Wiederverwertung endgültig in den Fokus. Die Rahmenbedingungen dafür sind in der Recyclinggips-Verordnung festgehalten.

In Österreich übernimmt dabei die Gips-zu-Gips Recycling GmbH – ein Joint Venture von PORR, Saint-Gobain und Saubermacher – eine zentrale Rolle. Die Aufbereitungsanlage Stockerau verarbeitet Gipsabfälle aus ganz Österreich mit einer Kapazität von rund 60.000 Tonnen jährlich, bei einem geschätzten Rückführungspotenzial von bis zu 100.000 Tonnen [6]. Die Anlage wurde mit rund 40 Prozent der Investitionskosten vom Bund gefördert und gilt als Vorzeigeprojekt der Branche.

Dennoch wirft die Entwicklung auch Fragen auf: Reicht eine zentrale Anlage für ganz Österreich aus? Weitere Anlagen in Österreich oder Kooperationen über die Landesgrenzen hinaus wären wünschenswert, um Kreislaufwirtschaft in der Gipsbranche auf eine regionalere Ebene zu bringen und Transportaufwände zu reduzieren. Und wer bekommt den Sekundärrohstoff? Derzeit wird der österreichische Recyclinggips bevorzugt in der Gipsplattenproduktion in Bad Aussee eingesetzt.

Recyclingvoraussetzungen: Sortieren will gelernt sein

Effizientes Gipsrecycling ist kein Selbstläufer – es erfordert Wissen, Sorgfalt und abgestimmte Prozesse entlang der gesamten Wertschöpfungskette.

Eine durchgehende Kette von Vorschriften sorgt dafür, dass Bauprodukte aus Gips zum Wertstoff in einer funktionierenden Kreislaufwirtschaft werden: Behandlungspflichten und Vermischungsverbot sind durch das Abfallwirtschaftsgesetz [7] geregelt. In der Deponieverordnung [8] ist festgeschrieben, dass Gipsabfälle nicht unmittelbar entsorgt werden dürfen. Sie müssen zunächst auf ihrer Verwertbarkeit hin geprüft werden. Ihre Kategorisierung findet u.a. im Rahmen der Schad- und Störstofferkundung nach ÖNORM B 3151 [9] statt. Saubere und ungefährliche Gipsabfälle sind nach den Vorgaben der Recyclinggips-Verordnung [10] zu Recyclinggips aufzubereiten. Die Deponierung ist nur eine Option für Gipsabfälle, die nicht für ein Recycling geeignet sind.

Damit Gipsrecycling funktioniert, ist eine sorgfältige Trennung entlang der gesamten Prozesskette entscheidend. Gipsabfälle müssen immer konsequent sortiert werden – deutlich genauer als bei herkömmlichen Baustellenabfällen, denn nunmehr sind Gipsplatten, Gipsfaserplatten und Calciumsulfatestriche getrennt zu erfassen.

Eine zentrale Voraussetzung ist, dass der Gips trocken, sauber und frei von Fremdstoffen bleibt. BesonderenAufmerksamkeit gilt der Vermeidung von Schadstoffen und Verunreinigungen wie etwa Asbest, Farben, Kleber oder Mineralwolle, denn sie schließen ein Recycling aus. Deshalb ist eine frühzeitige Schad- und Störstofferkundung unerlässlich – auch bei kleineren Bauvorhaben. Nur so können problematische Materialien erkannt und getrennt werden. (Abb. 1)

Zusätzlich gelten praktische Anforderungen: Gipsabfälle sind getrennt nach Materialarten zu sammeln, trocken zu lagern und dürfen bestimmte Abmessungen (max. etwa 1,25 × 2 Meter) nicht überschreiten, um in den Anlagen verarbeitet werden zu können.

Für ein funktionierendes System müssen alle Beteiligten zusammenarbeiten: von der Planung über den Rückbau bis zur Kontrolle in der Recyclinganlage. Präzise Anweisungen, fachgerechter Rückbau und strenge Eingangskontrollen sichern die Qualität des Materials. (Abb. 2)

Für die unterschiedlichen Zielgruppen, von Trockenbauer:innen über Planer:innen und Bauherr:innen bis hin zu Sammler:innen und Behandler:innen, gibt es vom Baustoffrecyclingverband (BRV) Broschüren zur b„Verwertung von Gipsplatten und Gipsbauteilen aus dem Neu-, Um- und Rückbau“ [11].

Aufbereitungsprozess und Verwertungsmöglichkeiten

Recycling von Gips erhöhen, Deponievolumen reduzieren und Kreislaufwirtschaft stärken – das ist dasZiel der Recyclinggipsverordnung. Aber wie funktioniert das nun im Einzelnen? Das wollten die IBO Mitarbeiter:innen genauer wissen und ließen sich den Aufbereitungsprozess vor Ort auf Einladung der Betreiber im Detail erläutern. Die gesamte Anlage ist in einem sanierten Abschnitt einer ehemals zur Mineralwolleherstellung genutzten Halle untergebracht. Dort folgt der Recyclingprozess von Gipsprodukten einem klaren Ablauf: kontrollieren, vorbereiten, aussortieren, zerkleinern, sieben und Qualität sichern. (Abb. 3)

Bereits bei der Anlieferung erfolgt eine erste Kontrolle direkt am LKW – visuell und anhand der vorgeschriebenen Begleitdokumente. Ergänzend zur Sichtprüfung sind stichprobenartige Identitätskontrollen vorgeschrieben. Die Erfahrungen sind bislang positiv: Nur vereinzelt mussten Chargen abgewiesen werden. Der Gipsrecycler stellt den Anlieferern eine Einstufungshilfe nach dem Ampelsystem zur Verfügung, die darstellt, welche Gipsabfälle ohne weiteres (keine Verunreinigungen), gerade noch (Störstoffanteil < 20 %) oder jedenfalls nicht (Störstoffanteil > 20 %, Asbestverunreinigung) für ein Recycling geeignet sind. Mit Blick auf die lagernden Gipsabfälle zeigte sich, dass viele Anlieferungen dennoch signifikante Mengen an Störstoffen wie Metalle oder Kunststoffe enthalten – ein Hinweis darauf, dass die Trennung auf Baustellen oft nicht konsequent genug erfolgt.

Im nächsten Schritt wird das Material grob zerkleinert, von Feinstpartikeln und über Magnetabscheider von Fremdstoffen befreit. 20 t Material können so pro Stunde gereinigt werden. Zusätzlich ist eine händische Nachsortierung notwendig, damit die rund 8 % Störstoffe ausgeschleust werden. Anschließend erfolgt die Feinaufbereitung: Der Gips wird auf definierte Korngrößen gebracht und im Windsichter vom Papier getrennt. (Abb. 5, 6, 7)

Die IBO Mitarbeiter:innen haben eine Anlage gesehen, die dringend notwendig ist um das Ziel einer möglichst geschlossenen Kreislaufführung von Gips in Österreich zu erreichen. Recyclinggips wird hierbei bevorzugt wieder zur Herstellung neuer Gipsplatten eingesetzt. Weitere (open loop-)Anwendungen, etwa in der Zementproduktion als Erstarrungsregler oder als Bindemittel für andere Gipsbaustoffe sind möglich, spielen derzeit jedoch eine geringere Rolle oder befinden sich noch in Entwicklung.

Einen Film mit weiteren Einblicken in die Aufbereitungsanlage finden Sie auf den Internetseiten des Unternehmens https://gzg.at/.

Mehr Diversität im Trockenbau

Derzeit werden neuen Gipsplatten bis zu 40 % Recyclinggips beigemischt – ein wichtiger Schritt, der jedoch allein nicht ausreichen dürfte, um den von der Branche prognostizierten Bedarf zu decken. Angesichts möglicher Rohstoffengpässe stellt sich daher zunehmend die Frage nach weitergehenden Lösungen und alternativen Materialien.

Denn das Prinzip des Trockenbaus – flexible Grundrisse mit leichten Konstruktionen – ist nicht an einen bestimmten Rohstoff gebunden. Auch Systeme mit Holzständern, biogenen Dämmstoffen sowie Lehm- oder Strohbauplatten können Anforderungen an den Brand- und Schallschutz erfüllen. Sie sind bislang in standardisierten Ausschreibungen kaum verankert, obwohl vor allem ökologische Aspekte stark für diese Alternativen sprechen: geringere CO₂-Emissionen, bessere Rückbaubarkeit, einfachere Entsorgung sowie ein verbessertes Raumklima durch Feuchtepufferung und Speichermasse.

Langfristig wird entscheidend sein, vorhandene Ressourcen klug zu nutzen – sei es durch Recyclinggips, wiederverwendete Baustoffe oder natürliche Materialien wie etwa Holz und Lehm. Nur so kann die Bauwirtschaft ihre Abhängigkeit von einzelnen Rohstoffen reduzieren, Ressourcen schonen und gleichzeitig Dekarbonisierung vorantreiben.


[1] www.viasalis.at/pernecker-gipsbergbau
[2] www.rigips.de/unternehmen/die-story-von-rigips-das-original
[3] www.rigips.at/ueber-uns, Infografik
[4] www.bmf.gv.at/themen/bergbau/mineralrohstoffpolitik/oesterreich/masterplan-rohstoffe-2030.html, Masterplan Rohstoffe 2030 und Monitoringbericht 2025
[5] eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/
[6] Gips als idealer Baustoff für die Kreislaufwirtschaft – Forum mineralische Rohstoffe
[7] Bundesgesetz über eine nachhaltige Abfallwirtschaft (Abfallwirtschaftsgesetz 2002 – AWG 2002), BGBl. I Nr. 102/2002
[8] Verordnung des Bundesministers für Land- und Forstwirtschaft, Umwelt und Wasserwirtschaft über Deponien (Deponieverordnung 2008), BGBl. II Nr. 39/2008 und Änderungen der Deponieverordnung von 2008 vom 01.04.2021, BGBl. II Nr. 144/2021
[9] ÖNORM B 3151 - Rückbau von Bauwerken als Standardabbruchmethode, 15.5.2022
[10] Verordnung der Bundesministerin für Klimaschutz, Umwelt, Energie, Mobilität, Innovation und Technologie über die Behandlung von Gipsabfällen und die Herstellung und das Abfallende von Recyclinggips (Recyclinggips-Verordnung), BGBl. II Nr. 415/2024
[11] brv.at/shop/

Kontakt

Abb 1: Aus der Praxis: Gipsabfälle müssen feuchtegeschützt gelagert werden. © Astrid Scharnhorst
Abb. 2: Verantwortlichkeiten der Akteure, Grafik © Astrid Scharnhorst
Abb. 3: Aufbereitungshalle GzG Gipsrecycling GmbH Stockerau. © IBO
Abb. 4: Rohstoffeingang, © IBO
Abb. 5: Zerkleinerung und Magnetabscheider, © IBO
Abb. 6: Recyclingkörnungen, © IBO
Abb. 7 Papierausschuss, © IBO