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Große Pläne in kleinen Schritten
Green Deal in der Bauwirtschaft?

Wie bessere Bauprodukte auf der Baustelle in der Gebäudezertifizierung klimaaktiv berücksichtigt werden und was das mit der EU zu tun hat.

Gebäudebewertungklimaaktiv

Weltweit werden Vorgaben für nachhaltigeres Wirtschaften und Leben formuliert, seien es die Sustainable Development Goals der UNO oder der Green Deal der EU – alle Bereiche menschlichen Handelns werden unter die Lupe genommen. Schnell ist man dann beim Bauwesen, einem Grundbedürfnis, für dessen Erfüllung viele Ressourcen nötig sind: Land, Geld, Sand, Energie zum Beispiel. Lange war die Steigerung der Energieeffizienz von Gebäuden im Fokus des Klimaschutzes. Mit zunehmender Energieeffizienz werden aber auch die im Gebäude verbauten Bauprodukte immer re-levanter, doch die Bewertung von den Bauprodukten ist facettenreich, wie auch die Ansätze in der EU-Taxonomie zeigen.

Wie kann zum Beispiel die im Green Deal geforderte Kreislauffähigkeit im Rahmen einer Gebäudezertifizierung bewertet werden?

Kreislauffähigkeit im Bauwesen umfasst viele Ansätze wie etwa das rückbaufreundliche Konstruieren, die Dokumentation der verbauten Materialien, vorzugsweise über digitale Erfassung, die Schadstofffreiheit von Bauprodukten, die Bauteilwiederverwendung ebenso wie die Gewinnung und Verwendung mineralischer Körnungen.

Maßnahmen zum Klimaschutz und zur Kreislaufwirtschaft gehen häufig Hand in Hand. Es kann aber auch zu gegenläufigen Effekten kommen. Dämmmaßnahmen, die wichtig für die Steigerung der Energieeffizienz sind, können den Rückbau von Gebäuden erschweren. Die verbauten Dämmstoffe können Schadstoffe enthalten, wie z.B. das erst seit einigen Jahren verbotene Flammschutzmittel Hexabromcyclododecan (HBCD), welches entweder vor dem Recycling aus dem Dämmstoff herausgetrennt werden muss oder ein Recyclingverbot zur Folge hat. Umgekehrt können Materialien, wie z.B. Metalle, sehr gut recyclierbar sein und dennoch hohe Treibhausgasemissionen bei der Herstellung verursachen. Es ist wichtig, immer beide Schutzziele im Auge zu behalten.

Kreislauffähigkeit als neues Kriterium in klimaaktiv

In H. Figl et al (2020a) wurden Bewertungsansätze für die Kreislauffähigkeit aus verschiedensten Ländern zusammengestellt und analysiert. Ergebnis der Analyse war, dass alle Bewertungssysteme im Grunde vergleichbare Ansätze z.B. bezüglich der bewerteten Parameter haben, sich die Bewertung im Detail jedoch grundlegend unterscheidet. Von einer europäischen Harmonisierung ist man in diesem Feld aktuell also noch weit entfernt. In Österreich können die Entsorgungseigenschaften mithilfe des EI10 sichtbar gemacht werden. Die Berechnung wird in klimaaktiv mit Punkten anerkannt. Darüber hinaus werden die Leitprinizipien der Circular Economy im klimaaktiv-Gebäudestandard wie folgt beschrieben:

  1. Vermeiden – Reduce: Maßnahmen zur Verringerung von Abfallmengen. Beispielhafte Maßnahmen: schlanke Konstruktionen, optimierte Raumgrößen, Vorortverwendung von Aushub, Sand und dergleichen
  2. Wiederverwenden – Reuse: möglichst gleichwertige Weiterverwendung von Materialien, Bauteilen oder eingesetzten Technologien
  3. Produktorientierte Verwertung – Recycling: Aufbereitung von Materialien zur Wiederverwendung in Produkten oder Technologien in vergleichbaren oder gering-wertigeren Produkten
  4. Sonstige Verwertung: energetisch-thermische Verwertung, Verfüllung
  5. Entsorgung / Deponierung, sofern die oben genannten Prinzipien nicht anwendbar sind.

Diese, aus der Abfallwirtschaft stammende, Betrachtungsweise in die Praxis der Bauwirtschaft umzusetzen, soll durch die Erstellung von Rückbaukonzepten besser gelingen.

Rückbaukonzept bei Neubauten

Bei Neubauten ist bereits in der Entwurfsplanung durch die Erstellung eines Rückbau- und Verwertungskonzepts auf die oben genannten Aspekte einzugehen. Dabei sind für die wesentlichsten Standardbauteile und bei einer kalkulatorischen Gesamtnutzungsdauer des Gebäudes von 100 Jahren die Potenziale der fünf genannten Leitprinzipien zu benennen.

Rückbaukonzept bei Bestandsobjekten und Sanierungsvorhaben

Ergänzend zu den oben genannten Aspekten wird eine umfassende Schad- und Störstofferkundung durchgeführt, bei der verpflichtend vorab das Reuse-Potenzial zu erheben und dokumentieren ist. Die Dokumentation des erstellten Rückbaukonzepts einschließlich Reuse-Potenzialen und Schad- und Störstofferkundung erfolgt in Analogie zur Entwurfs- und Ausführungsplanung mit ergänzender Berichterstattung.

BIM-Modell für umfangreiche Bauvorhaben

Die BIM-Methode kann über einen effizienten Datenaustausch bei der Produktwahl in der Planungs- und Ausführungsphase unterstützen – je früher im Planungsprozess ökologische Bewertungen und Optimierungen angesetzt werden, desto größer ist das Verbesserungspotenzial.
Für den verwertungsorientierten Rückbau am Lebensende des Gebäudes („Urban Mining“) ist eine Dokumentation der verbauten Materialien essenziell. Die Dokumentation unterstützt außerdem bei der Instandhaltung und Instandsetzung von Gebäudeteilen.

Bauprodukte in der Gebäudebewertung klimaaktiv

Berücksichtigt werden die Vermeidung und Verringerung von Schadstoffen konkret für die stark treibhauswirksame Substanz HFKW, für PVC und SVHC (Substances of very high concern), aber auch die Verwendung von umweltfreundlich(er)en Produkten. Weiters werden Ökobilanzen des Gesamtgebäudes berücksichtigt.

Emissionsarmut und mehr: Produktmanagement

Das Produktmanagement berücksichtigt mehrere Ziele des Green Deals. Ursprünglich war das Ziel des Produktmanagements, auch Chemikalienmanagement genannt, vor allem eine gute Raumluftqualität sicherzustellen. In einer Kreislaufwirtschaft sind Produkte, die keine oder nur ein Minimum an Schadstoffen enthalten, darüber hinaus besser wiederzuverwenden oder -verwerten bzw. zu entsorgen.

Ablauf des Produktmanagements in der ökologischen Beschaffung

Ein strukturierter Ablauf ist Voraussetzung für ein lebenszyklus- und lieferketten-begleitendes Produktinformationsmanagement. Die systematische Beschaffung von ökologischen Baustoffen vom Entwurf bis zur Ausführung wurden erstmals ab 2005 im Demonstrationsvorhaben (Gemeindezentrum Ludesch) erprobt und seither systematisch zu einer standardisierten Dienstleistung entwickelt. Die AuftraggeberInnen werden bei der Verankerung der Kriterien in der Ausschreibung und Vergabe unterstützt. Dies beinhaltet Baueinleitungsgespräche mit den Ausführenden sowie Bauproduktfreigaben bzw.  optimierungen für die einzelnen Gewerke. Während der Realisierung des Bauprojektes werden stichprobenartige Kontrollen auf der Baustelle durchgeführt. Abschließend werden Innenraumluftmessungen zur Bestätigung der Innenraumluftqualität durchgeführt.

Produktmanagement in 3 Stufen

In klimaaktiv werden die zu erfüllenden Anforderungen ab dem Kriterienkatalog 2020 in 3 Stufen gegliedert. Die Anforderungen sind für Dienstleistungsgebäude und für Wohngebäude die gleichen. Für die Stufe 1 wird der Innenausbau nach ÖNORM B 1801-1:2015-12 herangezogen, geprüft werden sollen Produkte, die in Aufenthaltsräumen wie etwa Büros, Wohn- und Schlafräume eingesetzt werden. Für die Stufe 2 und 3 werden darüber hinaus horizontale und vertikale Baukonstruktionen wie Fassade und Dach in Betracht gezogen. Tiefgaragen und Außenanlagen müssen nicht berücksichtigt werden.

Dabei werden in Stufe 1 emissionsarme Produkte für den Innenausbau berücksichtigt. Das bedeutet, es werden die Bauproduktgruppen mit der größten Relevanz für die Raumluftqualität, nämlich Verlegewerkstoffe, Bodenbeläge, Holzwerkstoffe, Beschichtungen, Innenwandfarben und Bitumenmassen überprüft.

In Stufe 2 werden auch emissionsarme Produkte für die Anwendung im Außenraum gefordert, das bedeutet die Produktgruppen der Stufe 1 werden ergänzt mit den Produktgruppen Innenwandputze, Dämmstoffe, Dichtstoffe, Flüssigkunststoffe sowie Kleb- und Füllstoffe.

In der Stufe 3 kommen weitere Kriterien für die Schadstoffarmut hinzu, erfasst werden müssen im Wesentlichen die Produktgruppen der Stufe 2.

Die anzuwendenden Kriterien sind auf der Plattform www.baubook.info veröffentlicht. Sie werden nicht nur für klimaaktiv sondern auch u.a. auch in der öffentlichen Beschaffung angewendet.
Bauproduktmanagement als baubegleitende Maßnahme ermöglicht – meistens kostenneutral – die Verwendung von Bauprodukten, die volkswirtschaftlich gesehen großen Nutzen stiften: Die Gesundheit von ArbeitnehmerInnen auf der Baustelle ebenso wie im fertiggestellten Gebäude wird kurz- und vor allem langfristig geschont.

Die großen Pläne der Menschheit für ein besseres Leben und die Abwendung der Klimakatastrophe müssen auf allen Ebenen umgesetzt werden – Bauproduktmanagement ist ein konkreter Beitrag dazu.

 

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© Barbara Bauer