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Wie Vögel und Fledermäuse wohnen
Wiens Umgang mit baulichem Artenschutz bei Gebäudesanierungen und Dachgeschoßausbauten

Ein Großteil des Wiener Gebäudebestandes umfasst Gebäude mit Baujahren vor 1970. In naher Zukunft werden diese Gebäude sukzessive thermisch saniert und die Dachgeschoße ausgebaut. Das ist Lebensraum nicht nur für Menschen, sondern auch für Tiere und Pflanzen. Viele davon sind gesetzlich geschützt. Dieser Lebensraum ist im Sinne der Biodiversität unbedingt zu erhalten. Besonders Fledermäuse und Vögel leiden unter der Zerstörung ihrer Lebensräume, welche oftmals durch unachtsame Gebäudesanierungen und Dachgeschoßausbauten verursacht wird.

BauphysikSanierung

Rechtliches

Der rechtliche Schutz ist im Wiener Naturschutzgesetz und in der dazugehörigen Wiener Naturschutzverordnung geregelt. Die Verordnung teilt die Tierarten in 4 Kategorien ein, welche mit der Art des Schutzes verbunden sind. Zusätzlich gibt es noch eine Markierung für „prioritär bedeutende“ Tierarten:

  • Kategorie A: Streng geschützte Arten mit Lebensraumschutz im gesamten Stadtgebiet
  • Kategorie B: Streng geschützte Arten mit Lebensraumschutz auf geschützten Objekten, Flächen und Gebieten und in Nationalparks
  • Kategorie C: Geschützte Arten mit Lebensraumschutz auf geschützten Objekten, Flächen und Gebieten und in Nationalparks
  • Kategorie D: Geschützte Arten ohne Lebensraumschutz

Im Folgenden werden wir einige nach Kategorie A streng geschützte und prioritär bedeutende Tierarten näher betrachten. Für diese Arten ist das Fangen, Töten, absichtliche Stören (besonders während Brutzeit, Winterschlaf etc.) Zerstören, Beschädigen und Entnehmen von Eiern, Beschädigen und Zerstören von Fortpflanzungs- und Ruhestätten verboten.[1]

Sind Tiere am oder im Gebäude beheimatet, ist vor der Sanierung oder dem Dachgeschoßausbau Kontakt zur Magistratsabteilung für Umweltschutz (MA22) aufzunehmen, um die geplanten Änderungen im Hinblick auf den Artenschutz abzuklären. Denn auf Arbeiten während Brut- bzw. Winterschlafzeiten reagieren Tiere besonders sensibel.

Fledermäuse

Im gesamten Wiener Stadtgebiet leben 22 verschiedene Fledermausarten an und in Gebäuden. Diese Arten sind nachtaktiv und ernähren sich von Insekten, welche in Wien besonders in Grünzonen mit stehenden Gewässern gejagt werden können. Ihre Quartiere befinden sich in der Nähe ihrer Jagdgebiete. Frei hängende Fledermausarten beziehen Quartier in Baumhöhlen (natürliches Quartier), ungestörten Dachstühlen und Kellerräumen. Spaltenbewohnende Arten hingegen bewohnen von April bis September enge Hohlräume und Wandverschalungen, im Winter ziehen sie sich in Höhlen und Keller für ihren Winterschlaf zurück. Fledermäuse können durch neu verbaute Flächen sowie Insektizide aus ihrem Lebensraum vertrieben werden.[2]

Wichtig für den Erhalt ihrer Quartiere ist die Möglichkeit zum Einfliegen in offene Dachstühle und Gebäudeverschalungen nach der Sanierung bzw. dem Ausbau. Schlitze mit 10 cm Höhe und 30 cm Breite reichen hier allgemein aus, auch spezielle Ziegel können für das Einfliegen eingebaut werden. Bei einer neuen Anordnung von Öffnungen oder anderen Dachaufbauten ist es wichtig zu beachten, dass sich die Temperaturbedingungen im Dachraum nachteilig ändern können und es zu warm oder zu kalt wird. Ebenso ist es ratsam, mehrere neue Quartiere ins Gebäude zu integrieren, um die Lebensbedingungen für Fledermäuse zu verbessern. Für spaltenbewohnende Arten gibt es spezielle Kastensysteme, die in die Fassade Ober- oder Unterputz montiert werden können.[3]

Gartenrotschwanz

Dieser Singvogel ist an seinem charakteristischen roten Schwanz erkennbar und lebt von April bis September in Paaren in den alten Obst- und Walnussbäumen und Büschen im Grüngürtel der Außenbezirke Wiens, die Wintermonate verbringt er in Zentralafrika südlich der Sahara. Für das Brüten im Gebäude muss es genügend geschützte Brutplätze geben: Dachbalken, Ritzen und Löcher im Mauerwerk, hinter Holzverschalungen und Fensterläden. Ebenso brütet der Gartenrotschwanz in passenden Vogelhäusern sowie in Hohlräumen von Zaunpfählen und Holzstößen. Der Vogelbestand ist seit 1950 unter anderem aufgrund des Rückgangs an Obstbäumen stark rückläufig.[4]

Für den Schutz wichtig ist die Erhaltung der bestehenden Brutstätten samt ihrer ökologischen Infrastruktur sowie das Schaffen von zusätzlichen Nistmöglichkeiten, z.B. durch die Montage von geeigneten Nistkästen in älteren Bäumen.[5]

Dohle

Der Rabenvogel mit dunkelgrauem Gefieder und hellgrauem Nacken ernährt sich von Insekten, Würmern und Spinnen in den Rasenflächen Wiens. Er lebt paarweise, ganzjährig und ein Leben lang im selben Baum, Mauerloch, Gebäudenische oder Kamin, vorwiegend in Floridsdorf, Brigittenau und Leopoldsdorf. Die Dohle brütet von März bis Juni und ist leicht durch charakteristische laute Rufe sowie Morgen- und Abendflüge auszumachen. 2016 wurden 387 Brutstandorte mit 697 Brutpaaren erfasst.[6]

Da die Vögel unter anderem in Kaminen brüten und betriebene Kamine für die Gasabfuhr aus dem Gebäude gereinigt werden müssen, bietet sich die Möglichkeit, ungenutzte Kamine zum Haus hin zu verschließen und damit als Brutplatz bereitzustellen. Ebenso kann neben einem benötigten Kamin ein Ersatzquartier aus Holzplatten (Scheinkamin) geschaffen werden. Ein im Frühjahr 2015 umgesetztes Projekt der Universität für Bodenkultur Wien, gemeinsam mit der MA 22, konnte Dohlen hier erfolgreich einquartieren.[7]

Ebenso können Quartiere durch speziell für Dohlen geeignete Nistkästen geschaffen werden, die als Zusatz/Ersatz für Quartiere in Mauerlöchern und Gebäudenischen dienen.[8]

Mehlschwalbe

Die durch die weiße Unterseite und den blauen Kopf und Rücken leicht erkennbare Mehlschwalbe ernährt sich von Insekten, welche im Flug gefangen werden. Der tagaktive Vogel brütet in Kolonien im Zeitraum von April bis September ein- bis zweimal in einem Nest aus schlammiger Lehmerde unter dem Dachvorsprung von Gebäuden in der Nähe von Gewässern (Parkteiche, Donau, Wienfluss, Liesing), bevorzugt immer am selben Platz. Besonders wichtig sind dabei der freie Anflug und eine gewisse Rauheit der Oberfläche. Oft werden die Nester durch Eigentümer*innen oder Bewohner*innen der Gebäude zerstört, um der Verschmutzung der Fassade entgegenzuwirken.[9]

Zur Vorbeugung von Fassadenverschmutzung können vorhandene Nester mit einem Kotbrett versehen werden, weiters gibt es die Möglichkeit vorgefertigte Nester an der Fassade anzubringen, um die Position des Nests zu bestimmen und der Schwalbe den Nestbau zu erleichtern. Ebenso ist es wichtig, dass es feuchten Lehmboden in der Nähe zum Quartier für den Nestbau gibt.[10]

Mauersegler

Der von Mai bis August in Wien lebende Vogel mit einem gegabelten Schwanz und schmalen langen Flügeln ist durch die lauten Rufe bemerkbar. Etwa 5000 Paare brüten in Schlupfwinkeln des Daches hoher Altbauten und historischer Bauwerke, die mit freiem Blick nicht immer erkennbar sind. Besonders durch Fassadensanierungen werden Vögel beim Füttern durch Gerüste gestört oder Nistplätze (und eventuell Jungtiere) verschlossen.[11]

Wichtig ist die Erhaltung der vorhandenen Brutstätten und Zugänge. Ebenso können zusätzliche Quartiere in die Fassade wie das „Wiener Modell“, eine Zierkonsole für Gründerzeithäuser, integriert werden. Wichtig für die Lage sind ein hindernisfreier Anflug, eine gute Verschattung sowie raues Material.[12]

Fazit

Wie die gezeigten Beispiele für einige der besonders schützenswerten Arten deutlich machen, sind  einzelne Maßnahmen des baulichen Artenschutzes und eine an das Brut-/Winterschlafverhalten angepasste Zeitplanung mit einfacher Handhabung und mit geringen Kosten verbunden.  Damit der Bauablauf nicht beeinträchtigt wird, ist eine frühzeitige Absprache zwischen den Planungsbeteiligten und der MA 22 wichtig. Hier sind insbesondere die PlanerInnen gefragt um die Aufraggeber  entsprechend zu informieren und zu unterstützen. Ist das Vorkommen von Tieren am oder im Gebäude bekannt und wird dies in der frühen Planungsphase berücksichtigt, so kann das Bauvorhaben ohne großen Zusatzaufwand realisiert werden.

Dieser Beitrag stellt einen Auszug der 2019 an der Fachhochschule FH Campus Wien im Bachelorstudiengang: Architektur – Green Building eingereichten und durch das IBO – Österreichisches Institut für Bauen und Ökologie betreuten Bachelorarbeit (link zum Download) dar.

Kontakt

Angelika Pecha,  FH Campus Wien, angelika.pecha@stud.fh-campuswien.ac.at

Tobias Steiner IBO – Österreichisches Institut für Bauen und Ökologie, tobias.steiner@ibo.at


[1] vgl.: a) Gesetz mit dem das Wiener Naturschutzgesetz erlassen wird. LGBl 45/1998 idF LGBl 71/2018 §10 Abs. 3 bis 5 (letzter Zugriff 25.04.2019)

b) Verordnung der Wiener Landesregierung über den Schutz wild wachsender Pflanzen- und frei lebender Tierarten und deren Lebensräume sowie zur Bezeichnung von Biotoptypen (Wiener Naturschutzverordnung - Wr. NschVO). LGBl 45/1998 idF LGBl 12/2010 (letzter Zugriff 25.04.2019)

[2] vgl.: a) Kubista, Claudia Elisa: Telemetrische Erfassung von Fledermausquartieren im dicht bebauten Stadtgebiet Wiens. Wien: Universität Wien 2009. Seite 8-10

b) Hüttmeir, Ulrich: Spaltenbewohnende Fledermäuse. Tiere an Gebäuden, Architektur und Bauen. Wien: Magistrat der Stadt Wien – Wiener Umweltschutzabteilung MA 22. In: www.wien.gv.at/umweltschutz/naturschutz/pdf/fledermaus-architektur.pdf (letzter Zugriff 07.03.2019)

c) Wiener Umweltschutzabteilung MA 22: Hilfe für Wiens Fledermäuse. In: www.wien.gv.at/umweltschutz/naturschutz/biotop/fledermaus-kartierung.html (letzter Zugriff 13.03.2019)

[3] vgl.: a) Richarz, Klaus: Fledermausschutz an Gebäuden. Laufen/Salzach 1994. Seite 30 In: www.zobodat.at/pdf/Laufener-Spez-u-Seminarbeitr_1_1994_0011-0039.pdf (letzter Zugriff 06.05.2019) 

b) Wiener Umweltschutzabteilung MA22: Fledermaus (Microchiroptera). Gefährdung und Schutz. In: www.wien.gv.at/umweltschutz/naturschutz/biotop/fledermaus.html (letzter Zugriff 26.04.2019)

[4] vgl.: a) Wiener Umweltschutzabteilung MA 22: Gartenrotschwanz. In: www.wien.gv.at/umweltschutz/naturschutz/biotop/gartenrotschwanz.html (letzter Zugriff 13.03.2019) 

b) Gartenrotschwanz – Steckbrief. Farbenprächtig und gefährdet. In: www.nabu.de/tiere-und-pflanzen/aktionen-und-projekte/vogel-des-jahres/2011-gartenrotschwanz/12836.html (letzter Zugriff 13.03.2019

c) Baust, Peter: „Zu nichts zu gebrauchen, als zum Singen“. Historische Betrachtungen zum Gartenrotschwanz In: www.nabu.de/tiere-und-pflanzen/aktionen-und-projekte/vogel-des-jahres/2011-gartenrotschwanz/13121.html (letzter Zugriff 02.04.2019)

[5] vgl.: NABU – Naturschutzverbund Deutschland: Ein Nistkasten für den Gartenrotschwanz. In: www.nabu.de/imperia/md/content/nabude/vogelschutz/gartenrotschwanz_anleitung_nistkasten.pdf (letzter Zugriff 14.06.2019)

[6] vgl.: a) Die Umweltberatung: Die Dohle. Der hoch intelligente Rabenvogel ist in Wien streng geschützt. In: www.umweltberatung.at/die-dohle (letzter Zugriff 02.04.2019)

b) Hoi-Leitner, Maria / Wiedenegger, Elisabeth / Hille, Sabine: Status der Dohle (Corvus monedula) und ihr Nistplatzschutz in Wien. Vogelwarte - Zeitschrift für Vogelkunde - 54. Wien 2016. Seite 75 

[7] vgl.: Hoi-Leitner, Maria / Hille, Sabine: Ein neues Zuhause für Dohlen. 1.6.2015 In: alpine-biodiversity.boku.ac.at/Dohlenumsiedlung%20Homepage%20News.pdf (letzter Zugriff 01.05.2019)

[8] vgl.: Die Umweltberatung: Die Dohle. Der hoch intelligente Rabenvogel ist in Wien streng geschützt. In: www.umweltberatung.at/die-dohle (letzter Zugriff 02.04.2019)

[9] vgl.: a) Mehlschwalbe. Delichon urbicum. In: www.lbv.de/ratgeber/naturwissen/artenportraits/detail/mehlschwalbe/ (letzter Zugriff 08.04.2019)

b) Trautner, Jürgen: Mehlschwalbe. In: www.artenschutz-am-haus.de/tierarten/voegel/mehlschwalbe/ (letzter Zugriff 08.04.2019) 

c) Unsere Schwalben brauchen Ihre Hilfe. Glücksbringer leiden unter Wohnungsmangel. In: www.lbv.de/ratgeber/lebensraum-haus/schwalben/ (letzter Zugriff 08.04.2019) 

[10] vgl.: a) NABU Thüringen: Lehmpfützen und Kunstnester für die Frühlingsboten. In: thueringen.nabu.de/tiere-und-pflanzen/aktionen-und-projekte/schwalben-willkommen/schwalbenschutz/index.html (letzter Zugriff 01.05.2019) 

b) Vivara: Kotbrett für Mehlschwalben. In: www.vivara.de/kotbrett-fur-mehlschwalben.html (letzter Zugriff 01.05.2019)

[11] vgl.: a) Wiener Umweltschutzabteilung MA22: Mauersegler. In: www.wien.gv.at/umweltschutz/naturschutz/biotop/mauersegler.html (letzter Zugriff 15.04.2019)

b) Moser-Gattinger, Evelyn: Mauersegler – Könige der Lüfte. In: www.wildtierhilfe-wien.at/mauersegler-koenige-der-luefte/ (letzter Zugriff 15.04.2019)

[12] vgl.: a) Wiener Umweltschutzabteilung MA22: Mauersegler. In: www.wien.gv.at/umweltschutz/naturschutz/biotop/mauersegler.html (letzter Zugriff 15.04.2019) 

b) Stocker, Michael: Das Wiener Modell. Mauersegler Nistplätze in Zierkonsolen. Wien 2011. In: www.wien.gv.at/kontakte/ma22/studien/pdf/mauersegler-zierkonsolen.pdf (letzter Zugriff 20.06.2019)

Abb. 1: Von der MA22 registrierte Fledermausvorkommen in Wien
Abb. 2: Brutwahrscheinlichkeit von Gartenrotschwänzen in Wien
Abb. 3: Verbreitung der Brutplätze von Dohlen in Wien
Abb. 4: Verbreitung von Mehlschwalbennestern in Wien
Abb. 5: Seitliche geöffnete Konsole in der Kriehubergasse
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