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Wer braucht Biozide in Fassadenbeschichtungen?

Biozide in Fassadenanstrichen und -putzen sollen verhindern, was langfristig nicht zu verhindern ist: Verfärbungen durch Mikroorganismen. Dafür wird der Einsatz giftiger Stoffe in Kauf genommen. Ob das wirklich immer nötig ist? Diese Frage stellen sich Wissenschaft und Bauwirtschaft ebenso wie Bauökolog:innen schon seit vielen Jahren.

Materialökologie

Wo sich Kondenswasser an einer Fassade bilden kann, dort siedeln sich gerne Mikroorganismen in verschiedenen Farben an, seien es Grünalgen oder Schwarzschimmel, andere Pilze, Moose oder Flechten. Für die Funktion der Fassade ist dieser Bewuchs völlig unerheblich, die Verfärbungen werden aber oft als optischer Mangel gewertet. Juristisch gesehen ist der Algen- und/oder Pilzbefall kein Mangel.

Der erfinderische Mensch versucht durch die Zugabe eines Biozids zur Filmkonservierung in Fassadenfarben und -putzen die Besiedelung zu verhindern. Das Biozid gegen den Bewuchs wirkt nur wenn es wasserlöslich ist, es wird daher mit der Zeit ausgewaschen und lässt sich in Wasser und Boden nachweisen. Biozide werden auch für wurzelfeste Dachbahnen eingesetzt, in der Landwirtschaft, aber auch zur Topfkonservierung, die dazu dient, dass das Bauprodukt oder das Kosmetikprodukt nicht im Gebinde verdirbt. Manche verwenden sie auch, um Fassaden abzuwaschen und so wieder wie neu erstrahlen zu lassen. Wenn das Waschwasser nicht aufgefangen wird, können die Konzentrationen von Stoffen, die für andere Anwendungsbereiche schon längst verboten sind, im Boden stark ansteigen.

Nicht vernachlässigbar

Für die Schweiz wird angenommen, dass von den jährlich verbrauchten 7.400 t Bioziden rund 25 % als Schutzmittel für Baumaterialien verwendet werden (Bürgi et al. 2008).

Die Wiener Umweltanwaltschaft hat einige Biozide bewerten lassen und beschreibt die Gefährlichkeit  wie folgt:

"Das Biozid Carbendazim ist nachgewiesenermaßen mutagen und gefährdet die Fortpflanzung, bei zwei weiteren Bioziden (Isoproturon, Diuron) wird eine krebserregende Wirkung vermutet. Vier Biozide mit den Kurznamen OIT, IPBC, DCOIT und Terbutryn sind hautsensibilisierend, können also auch Allergien auslösen. Alle acht Biozide sind als langfristig gewässergefährdend eingestuft, wobei die Wirkstoffe mit den Kurznamen OIT und DCOIT eine extrem hohe Giftigkeit gegenüber Wasserlebewesen zeigen. Keines der acht Biozide ist als leicht biologisch abbaubar ausgewiesen.Seit langem ist bekannt, dass einige der dazu verwendeten Biozide ein erhebliches Umweltproblem darstellen. So fordert die Europäische Wasserrahmenrichtlinie den Eintrag der als Fassadenschutzmittel verwendeten Wirkstoffe Isoproturon, Diuron und Terbutryn in die Gewässer schrittweise zu reduzieren."

Schon seit 2001 werden Biozide gegen Algen und Pilze in Fassadenbeschichtungen auch verkapselt eingesetzt. Durch die Verkapselung soll unter anderem die hohe Auswaschung an neuen Fassaden reduziert werden. Jedoch werden auch mikroverkapselte Biozide prinzipiell irgendwann ausgewaschen, so dass aus derzeitiger Sicht folgende Maßnahmen in absteigender Reihenfolge ökologisch sinnvoll erscheinen:


Überlegungen zur Fassadengestaltung

++   (Silikat-, Kalk-)Putze ohne Biozide, weder zur Topfkonservierung, noch zur Verhinderung von Algen- und Pilzbewuchs, einsetzen, zur Vorbeugung eher dünklere Farben und Dickputz (bzw. Dämmstoffe mit höherer Speicherwirksamkeit) verwenden, damit durch eine trockenere Fassade keine Nahrungsgrundlage geschaffen wird. Weiters Dachüberstände großzügig planen. Eventuell von vornherein an anfälligen Seiten eine Begrünung planen.

o    Fassadenputze mit mikroverkapselten Bioziden einsetzen, bei größeren Bestellungen, die sofort verarbeitet werden, die Topfkonservierung weglassen (muss direkt mit dem Hersteller vereinbart werden) Da keine Aussagen möglich scheinen, welcher Art von Putz kombiniert mit welchen Wirkstoffen am Besten funktioniert, muss unter Bedachtnahme auf das jeweilige Mikroklima sorgfältig recherchiert und der Bauherr so informiert werden, dass er seine Entscheidung fundiert treffen kann. 

o     Fassadenfarben aus Silikonharzen mit "Lotuseffekt" durch Nanopartikel, daher ohne Biozide als Filmkonservierung

-      Dünnschicht-Silikatputze mit biozider Ausrüstung

- -    Kunstharzputze mit biozider Ausrüstung. 

- - -  Kunstharzputze mit biozider Ausrüstung und Lösungsmittel.

 

Wer braucht die Biozide wirklich?

Es gibt Regionen mit hoher Luftfeuchtigkeit, wo der Algenbewuchs sehr schnell einsetzt, sodass sich weder Industrie noch Handwerk trauen, biozidfreide Fassadenbeschichtungen einzusetzen, denn Ansprüche von Kunden zu erfüllen, scheint wichtiger zu sein als sterbende Wasserorganismen. Es gibt aber auch öffentliche Beschaffer:innen, die den Einsatz giftiger Stoffe grundsätzlich hinterfragen und andere gangbare Wege suchen.

Wenn wir Menschen großmütig über Verfärbungen hinwegsähen, die sowieso durch Alter, Verschmutzung, Vergilbung oder eben mikrobiellen Bewuchs früher oder später eintreten, dann könnten wir uns die verpönten Biozide in Fassadenbeschichtungen ersparen. Was wohl gesünder wäre, als der Glaube, wir könnten eine heile Welt mit sauberen Fassaden durch den Gebrauch schnell, aber nicht nachhaltig wirkender Stoffe erschaffen.


Mehr zu diesem bereits seit Jahren intensiv beforschten Thema hier:

https://www.vdpm.info/wp-content/uploads/2020/11/Presse-Merkblatt_Mikrobiologischer-Bewuchs_11-2020-final.pdf

https://wua-wien.at/bauen-und-wohnen/sanierung/2076-wua-gegen-giftige-fassaden

https://www.fona.de/de/leuphana-wissenschaftler-warnen-vor-umweltproblemen-durch-fassadenanstriche

oder bei Astrid Scharnhorst, die folgende Quellen empfiehlt:

Michael Burkhard von der EMPA mit Forschungskollegen sowie Künzl, Krus, Sedlbauer vom Fraunhofer Institut für Bauphysik. Dort finden sich auch diverse Untersuchungsergebnisse zu den bauphysikalischen Vorgängen in Fassadenoberflächen und Schlussfolgerungen für den Schichtaufbau.

 

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